Der Vern\xFCnftige Zeitvertreiber

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Der Wunderbau des Menschen

Wenn ein Baumeister es unternimmt, ein pr\xE4chtiges Geb\xE4ude aufzuf\xFChren, so macht er mit den nicht so zierlichen, aber festen Theilen, und mit denen, welche die \xFCbrigen unterst\xFCtzen, oder enthalten sollen, den Anfang.

Zuerst haben wir ein Geb\xE4ude von Knochen, die in mancherley Gestalten gebildet, und vermittelst weiser Erweiterungen oder Einschr\xE4nkungen von verschiedenen Gr\xF6\xDFen sind. Alle sind stark, damit sie die Fleischmaschine tragen k\xF6nnen, und doch leicht, damit sie dem Thiere durch keine gar zu gro\xDFe Last beschwerlich fallen. Sie sind innwendig hohl, um dem feuchtmachenden Marke zum Beh\xE4ltnisse zu dienen, und mit sehr feinen R\xF6hr-

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chen durchbohret, um die Nahrungsgef\xE4\xDFe zulassen zu k\xF6nnen. So unempfindlich, als sie selbst sind, so sind sie doch mit einer Haut von der \xE4u\xDFersten Empfindlichkeit umgeben, welche f\xFCr der Ann\xE4herung eines sch\xE4dlichen Reibens warnet, und den dadurch entstehen k\xF6nnenden Schaden verh\xFCtet, zugleich aber auch die muskul\xF6sen Theile in Sicherheit setzet, da\xDF sie bey ihren Bewegungen von den harten und rauhen Knochen nicht gerieben werden. Ihre Gestalten sind allezeit genau nach ihren Endzwecken eingerichtet. Gemeiniglich sind sie an ihren \xE4u\xDFersten Enden gr\xF6\xDFer und st\xE4rker, als in der Mitte, damit sie desto fester an einander gef\xFCget, und nicht so leicht aus ihrer eigentlichen Lage gebracht werden k\xF6nnen. Die Art ihrer Zusammenf\xFCgungen ist wahrhaftig wunderbar und merkw\xFCrdig von einander unterschieden; doch zeigen sie bey jedem Unterschiede eine weise Absicht, und dienet derselbe allemal zu einem wichtigen Endzwecke. Wenn zween Knochen an einander gef\xFCget sind, so ist gemeiniglich der eine an dem \xE4u\xDFersten Ende nett abgerundet, und mit einer glatten Substanz \xFCberzogen, der andere aber in einer gleichen Abmessung ausgeh\xF6hlet, um den glatten Knopf zu fassen,

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beyde sind mit einer klebrichten Feuchtigeit schl\xFCpfrig gemacht, um dem abger\xFCndeten Theile in dem ausgeh\xF6lten, die geschwindeste Bewegung zu geben.

Die F\xFC\xDFe geben die festesten und nettesten Grunds\xE4ulen ab, und \xFCbertreffen alle Vollkommenheit der Bildhauer und der Baukunst unendlich. Sie k\xF6nnen nach Erforderung der Umst\xE4nde ihre Gestalt und Gr\xF6\xDFe ver\xE4ndern. Au\xDFer ihrem Dienste, den sie uns als Grundst\xFCtzen leisten, enthalten sie einen Haufen der feinsten Triebfedern, welche behilflich sind, den Leib in mancherley artige Stellungen zu setzen, und ihn zu mannigfaltigen vortheilhaften Bewegungen geschickt zumachen. Der unterste Theil der Ferse, und das \xE4u\xDFerste Ende der Fu\xDFsohle, sind mit einer z\xE4hen, unempfindlichen und sehnigten Substanz versehen. Diese k\xF6nnen wir eine Art einer nat\xFCrlichen Sohle nennen, die sich niemals abn\xFCtzet, keiner Ausbesserung bedarf, und die allezeit den beschwerlichen Druck auf die Gef\xE4\xDFe abh\xE4lt, welchen die Last des K\xF6rpers im Gehen oder Stehen sonst verursachen w\xFCrde. Die Beine und Schenkel sind eben so starke und pr\xE4chtige S\xE4ulen; die auf eine solche Art zusammen gef\xFCget sind, da\xDF sie die Handlung des Gehens bef\xF6rdern,

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und doch der beqwemen Stellung des Sitzens nicht hinderlich sind. Die Beine werden nach obenzu allm\xE4hlich dicker, nach untenzu aber verliert sich solches auf eine nette Weise, welche Ver\xE4nderung ihre Gr\xF6\xDFe geh\xF6rig einschr\xE4nket, und zugleich ihre Sch\xF6nheit vergr\xF6\xDFert.

Die Ribben, die wie ein ordentlicher Bogen gebildet sind, sind zur Handlung des Athemholens einer sanften Bewegung f\xE4hig. Sie machen f\xFCr die Lunge und das Herz eine sichere Wohnung aus. Da diese die vorz\xFCglichsten und wichtigsten Werkzeuge des Lebens sind, so ist ihr Aufenthalt durch diesen halb zirkelf\xF6rmigen Wall befestiget. Der R\xFCckgrad hat den Endzweck, nicht nur den Leib zu st\xE4rken, und seine gr\xF6\xDFten Vorratskammern zu unterst\xFCtzen, sondern auch die Gemeinschaft des Gehirns, durch das sogenannte R\xFCckgradsmark fortzusetzen. Als ein ge\xF6ffneter Canal leitet er dieses Lebensfilber, und als ein wohlverwahrtes Geh\xE4use besch\xFCtzet es dasselbe, und l\xE4\xDFt diesen belebenden Schatz durch verschiedene beqweme Oeffnungen zu allen untern Theilen hindurch. W\xE4re der R\xFCckgrad nur gro\xDF, gerade und hohl, so h\xE4tte er zwar zu diesen verschiedenen Endzwecken dienen k\xF6nnen: allein alsdann

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w\xFCrden die Lenden unbeweglich, und der Mensch nicht etwan vom Scharfrichter, sondern von der Natur selbst an einem Pfahle gespie\xDFet seyn, der zugleich mit seinem Daseyn den Anfang genommen. Dieses zu vermeiden, bestehet er aus sehr kurzen Knochen, die vermittelst dazwischen liegender Knorpel dicht mit einander verkn\xFCpft sind, welches der Haupts\xE4ule unsers Baues die Biegsamkeit einer Weide giebt, da sie zu gleicher Zeit die Festigkeit einer Eiche beh\xE4lt. Hierdurch wird er zu einer Art eines fortgesetzten Gelenkes, so verschiedener Beugungen f\xE4hig ist, ohne das zarte Mark zu verletzen, welches seine H\xF6hlung anf\xFCllet, ohne den Flu\xDF der Nervenfeuchtigkeit zu hemmen, die von diesem gro\xDFen Beh\xE4ltnisse abgesondert werden soll, ohne die St\xE4rke zu verringern, die zur Unterst\xFCtzung aller obern Stockwerke n\xF6htig ist. Eine so sonderbare Bildung w\xFCrde bey allen andern festen Theilen mit gro\xDFen Unbeqwemlichkeiten verkn\xFCpft gewesen seyn. Hier aber ist sie von unaussprechlichem Nutzen, und es ist dieser Theil des menschlichen Leibes sowohl in Ansehung seiner Ausarbeitung, als Stellung, ein Meisterst\xFCck als der Sch\xF6pfung, das niemals genug bewundert werden kann.

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Die Arme, die an beyden Seiten h\xE4ngen, haben ein ganz gleiches Verh\xE4ltni\xDF gegen einander, damit das Gleichgewichte des Baues nicht m\xF6ge aufgehoben werden. Da sie gleichsam als die Leibwache, die den Leib besch\xFCtzet, und als die allgemeinen Diener desselben anzusehen sind, so sind sie zu den mannigfaltigsten und sehr weit sich erstreckenden Verrichtungen geschickt gemacht. Sie sind stark von Knochen, und doch nicht schwer von Fleisch, und mit besonderer Hurtigkeit und Leichtigkeit zu allen Arten von n\xFCtzlichen Bewegungen t\xFCchtig. Sie beugen sich inn- und ausw\xE4rts, sie heben sich in die H\xF6he, und senken sich wieder herunter, sie w\xE4lzen sich herum, und beqwemen sich in jede Richtung, die wir verlangen. Diesen sind die H\xE4nde angef\xFCget, und alles endiget sich mit den Fingern. Diese sind mit den Armen nicht von gleicher L\xE4nge und Dicke, sondern in beyden St\xFCcken unterschieden, welches ihnen ein so viel sch\xF6neres Ansehen giebt, und sich auch viel nutzbarer machet. W\xE4ren sie lauter Fleisch, so w\xFCrden sie weit schw\xE4cher seyn, und w\xE4ren sie ein ganzer Knochen, so w\xFCrden sie gar nicht k\xF6nnen beweget werden. Da sie aber aus verschiedenen kleinen Knochen und einer Menge Mus-

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keln bestehen, was k\xF6nnen sie daher nicht f\xFCr Gestalten annehmen, und was k\xF6nnen sie nicht f\xFCr Dienste leisten? Sie sitzen an dem \xE4u\xDFersten Ende der Arme, und daher ist der Kreis ihrer Wirksamkeit von einem sehr weiten Umfange. Diese vortheilhafte Lage macht die Fabel vom Briareus, zur Wahrheit, und macht ein paar H\xE4nde so n\xFCtzlich, als hundert. Die \xE4u\xDFersten Enden der Finger sind eine Sammlung feiner sehnigter F\xE4serchen, die von der \xE4u\xDFersten Empfindlichkeit sind. Es sind dieselben ungeachtet der Z\xE4rtlichkeit ihres Gewebes zu fast unaufh\xF6rlichen Besch\xE4ftigungen bestimmt, und m\xFC\xDFen sehr h\xE4ufig rauhe Dinge handhaben. Aus dieser Ursache sind sie mit den N\xE4geln, einer Art sich verbreitenden hornichten Substanz \xFCberzogen, welche verh\xFCten, da\xDF das Fleisch nicht platt gedr\xFCcket wird, und die z\xE4rtlichen Theile f\xFCr alle Verletzungen in Sicherheit setzen.

An dem Dienste der H\xE4nde und an der Wirksamkeit der Finger besitzen wir gleichsam ein Besteck der feinsten Instrumente, oder eine Sammlung der edelsten Werkzeuge. Sie machen uns zur Ausf\xFChrung eines jeden Werks geschickt, welches ein fruchtbarer Geist nur erfinden, oder die verschwenderische Einbildungs-

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kraft nur verlangen kann. Diese erheben die hohen S\xE4ulen und w\xF6lben den geraumen Bogen, sie f\xFChren das pr\xE4chtige Dach auf, und bringen die beqwemen Zimmer in Ordnung. Die Baukunst nebst allen ihren r\xFChrenden Sch\xF6nheiten und allen ihren reichen Vortheilen ist ein Werk der menschlichen Hand. Die h\xF6chsten Tannen weichen der St\xE4rke der Hand, und fallen zu Boden, und die gr\xF6\xDFten Eichen steigen von den Bergen herab. Da sie von der Geschicklichkeit der Hand eine beqweme Gestalt bekommen, so dienen sie den Schiffern zu einem schwimmenden Waarenhause, die die Fr\xFCchte der Natur und die Werke der Kunst von einem Orte der Welt zum andern bringen. Die Metalle gehorchen der menschlichen Hand, steigen aus ihren unterirdischen Betten in die H\xF6he, und machen die wesentlichen Theile derjenigen Maschine aus, die den Pall\xE4sten der Monarchen, und den H\xFCtten des Bauers solche Sch\xE4tze der Weisheit und Erkenntni\xDF zuf\xFChren, womit weder Gold noch Diamant zu vergleichen ist.

Unter den Aegyptern war die Hand ein Bild der St\xE4rke, unter den R\xF6mern ein Bild der Treue, und unter allen Nationen ist sie, wie mir deucht, als ein Zeichen der Macht angesehen worden. Sie

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ist der urspr\xFCngliche und allgemeine Zepter der unsere Herrschaft \xFCber alle Elemente und \xFCber jede Kreatur nicht nur vorstellet, sondern auch behauptet. Ungeachtet die Vorsehung uns weder die St\xE4rke des Rosses, noch die Geschwindigkeit des Windhundes, noch den scharfen Geruch anderer Jagdhunde beygeleget hat, so k\xF6nnen wir diese Kreaturen doch durch die Leitung unsers Verstandes, und durch die F\xE4higkeit unserer Hand, unserm Willen unterw\xFCrfig machen, uns ihrer zu unserm Vortheile bedienen, und sie in diesem Verstande uns alle zu Nutzen machen. Diese H\xE4nde, es ist erstaunlich zu erz\xE4hlen! - diese kurzen H\xE4nde haben ein Mittel ausf\xFCndig gemacht, wodurch wir bis an den Grund des Meeres kommen, in das Eingeweide der Erde dringen, und von einem Ufer bis zum andern reichen k\xF6nnen. Diese schwachen H\xE4nde k\xF6nnen die Fl\xFCgel des Windes, regieren, sich mit der Wuht des Feuers bewaffnen, und das heftige Ungest\xFCmm des Wassers zu ihren Diensten zwingen. Wie vortrefflich ist die W\xFCrde der Hand, und von welchem Umfange ist ihre Wirksamkeit! Es w\xFCrde mehr Beredsamkeit erfordern, als ihr Redner besitzet, die erste an den Tag zu legen, und Bl\xE4t-

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ter, als ihr Buch enth\xE4lt, die letztere zu beschreiben. Welchen Dank sind wir unserm g\xFCtigen Sch\xF6pfer nicht schuldig, da\xDF er uns mit diesem edlen, mit diesem unsch\xE4tzbaren Gliede versorget hat!

Vor allen Dingen ist das Haupt, als ein pr\xE4chtiges Dach dieses Geb\xE4udes, zum Aufenthalte des Gehirnes bestimmet. Es ist zu diesem wichtigen Endzwecke auf das genaueste eingerichtet, es ist ger\xE4umig es zu fassen, und stark und fest es zu erhalten und zu besch\xFCtzen. Da es dem Gezelte eines Generals in einer Armee, oder dem Pallaste eines Monarchen in einer Stadt, gleicht: so hat es eine Gemeinschaft mit allen, auch so gar mit den geringsten und entferntesten Theilen des ganzen Zusammenhanges. Es hat Aus - und Zug\xE4nge zur hurtigen Abfertigung der Curriere nach allen Gegenden, und zum Empfange eiliger Nachrichten bey jeder wichtigen Angelegenheit. Es ist mit Beh\xE4ltnissen versehen, worinn Schildwachen von verschiedenen Arten, und zu unterschiedlichen Endzwecken k\xF6nnen gestellet werden. Um ihre Verrichtungen zu beschleunigen, es m\xF6gen dieselben nun in Erkundigung dessen, was au\xDFen vorgeht, oder in der Untersuchung dessen, was hinein gelassen zu werden verlanget, bestehen,

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drehet sich diese ganze Maschine um einen so k\xFCnstlich ausgearbeiteten Angel, da\xDF sie sich auf das weiteste und freyeste herum wenden kann.

Diese pr\xE4chtige Hauptstadt wird f\xFCr die Hitze besch\xFCtzet, und wider die K\xE4lte vertheidiget, und wird zu gleicher Zeit durch einen h\xE4ufigen Haarwuchs gar sch\xF6n gezieret. Es flie\xDFt selbiges von der getheilten Scheitel herab, bedecket die Wangen gleichsam mit einem Mantel, und sammlet sich auf den Schultern in starken Haufen. Ein Zierraht, der ausgesuchter ist, als alle S\xE4ulenordnungen der Baukunst, und der so leicht ist, da\xDF er dem, so ihn tr\xE4gt, im geringsten nicht beschwerlich oder unbeqwem wird.

Da viele von den unvern\xFCnftigen Thielen auf der Erde kriechen, und da alle mit einander das Gesicht auf die Erde h\xE4ngen haben, so ist die Stellung des Menschen aufgerichtet. Diese Stellung ist in der That die alleranst\xE4ndigste, hat ein sehr w\xFCrdiges Ansehen, und zeuget von einer Oberherrschaft. Es ist dieselbe ferner h\xF6chst beqwem, sie macht uns zur Ausf\xFChrung eines jeden gro\xDFen Vorhabens geschickt, und erleichtert den Fortgang aller unserer Unternehmungen. Sie ist endlich mit der gr\xF6\xDFten Sicherheit verkn\xFCpfet,

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denn wenn sie auch gleich eben so vielen Gef\xE4hrlichkeiten, als eine jede andere Stellung unterworfen ist, so ist sie doch zur Abtreibung oder Vermeidung derselben viel vortheilhafter eingerichtet.

Es finden sich hier B\xE4nder, z\xE4he und starke Reihen von F\xE4serchen, die verschiedenen Glieder mit einander zu verkn\xFCpfen, und dasjenige, was sonst ein verwirrter und ungeschickter Klumpen seyn w\xFCrde, in einen ordentlichen und zur eignen Bewegung f\xE4higen Zusammenhang zu bringen. Hier sind d\xFCnne und biegsame H\xE4ute, worin die fleischigten Theile eingewickelt sind, deren einige dadurch zusammengef\xFCget, andere aber von einander abgesondert werden.

Die Pulsadern sind als gro\xDFe Str\xF6me unserer kleinen Welt, oder als pr\xE4chtige Wasserleitungen einer wohleingerichteten Stadt anzusehen. Einige davon steigen zum Kopfe hinan; andere verbreiten sich \xFCber die Schultern, einige strecken sich zu den Armen, andere senken sich zu den F\xFC\xDFen hinunter, und alle vertheilen sich bey ihrem Laufe in unz\xE4hlige kleinere Can\xE4le, nnd besuchen die Straffen, die Spazierg\xE4nge, und jede besonderen Beh\xE4ltni\xDFe dieser lebenden Stadt. Sie sind weit an ihrem Urspr\xFCnge, werden

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aber bey ihrer Verbreitung immer enger und enger, und schr\xE4nken dadurch den schnellen und starken Lauf des Blutes ein. Um den Sto\xDF desselben auszuhalten, sind sie mit einer ungemeinen St\xE4rke versehen. Sie n\xF6htigen die rohte Fluht durch die engsten G\xE4nge zu gehen, und sich in alle Gegenden zu verbreiten. Das Blut, so von dem Herzen herausgestossen wird, erweitert die Pulsadern, und ihre eigene elastische Kraft dr\xFCcket sie wieder zusammen. Daher k\xF6mmt es, da\xDF sie an geh\xF6rigen Stellen sehr merklich wider den daran gehaltenen Finger schlagen, dem Arzte Nachrichten von der \xE4u\xDFersten Wichtigkeit geben, und ihm beydes in Entdeckung der Beschaffenheit der Krankheiten, und in Verordnung der geh\xF6rigen Hilfsmittel, ungemein zu statten kommen. Die gr\xF6\xDFern Pulsadern liegen an denen Stellen, wo der Leib zum Beugen eingerichtet ist, an der Seite, wo die Beugung geschiehet, um zu verh\xFCten, da\xDF ihnen durch eine zu starke Ausspannung in die L\xE4nge an ihrer Weite nichts entgehe, und der Umlauf des Gebl\xFCts nicht aufgehalten werde. Sie liegen nicht, wie verschiedene von den haupts\xE4chlichsten Blutadern, so nahe an der Oberfl\xE4che, da\xDF sie die Haut hervor sto\xDFen sollten;

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sondern in einer bestimmten Tiefe im Fleische. Diese Lage machet sie vor Verletzungen von aussen um so viel sicherer. Sie verbirget gleichfalls das Auffahren des Pulses, welches, wenn es sollte gesehen werden, auch das gesetzteste und angenehmste Gesicht beunruhigen und verstellen w\xFCrde. Wenn wir einen Flu\xDF sehen, der durch die benachbarten Wiesen l\xE4uft: so werden wir verschiedene M\xFChlen bemerken, die den Strom durchschneiden. An diesen Orten trocknet das Wasser, wenn es nicht g\xE4nzlich gehemmet wird, doch allm\xE4hlich weg. Durch diese Verstopfung w\xFCrden die untern Can\xE4le ganz trocken werden, die obern aber \xFCberlaufen. Um nun beyden Unbeqwemlichkeiten abzuhelfen, werden Gr\xE4ben gemachet, die durch die Abf\xFChrung des \xFCberf\xFC\xDFigen Wassers oben eine Uiberschwemmung, und unten das Austrocknen verh\xFCten. In denen Theilen des K\xF6rpers, die vielem Dr\xFCcken unterworfen sind, findet beynahe dasselbe Hilfsmittel Platz. Die Pulsadern machen sich eine neue Bahn, nehmen einen kleinen Umweg, und kommen alsdenn wieder auf die Hauptstrasse. Wenn also eine Hinderni\xDF den graben Weg sperret oder enge machet: so weicht der Strom in einen

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solchen neuen Canal aus, entgeht dem Hinderni\xDFe, sein Flie\xDFen wird ununterbrochen erhalten, und er k\xF6mmt gar bald wieder auf seine gewohnte Strasse.

Die Blutadern dienen das Blut aus den Pulsadern zu empfangen, und es wieder zur\xFCck zum Herzen zu f\xFChren. Sie sind in ihrem Ursprunge enge, werden im Fortgehen weiter, und wissen von keinem Schlagen, wie die Pulsadern. In diesen ist der Druck des umlaufenden Blutes nicht so heftig als in jenen, und aus dieser Ursache sind sie auch lange nicht so stark eingerichtet. Eine so genaue Haush\xE4lterinn ist die Natur selbst mitten in ihrer Freygebigkeit. In vielen von diesen Can\xE4len ist der Lauf des Gebl\xFCtes, ungeachtet er sich best\xE4ndig verbreitet, und folglich auch an Schwere zunimmt, gen\xF6htiget in die H\xF6he zu steigen. Durch diesen Umstand wird er in Gefahr gesetzet wieder zur\xFCckzufallen, die Gef\xE4\xDFe zu \xFCberladen, und wohl gar die belebende Bewegung zu unterdr\xFCcken. Zur Sicherheit wider diese Gefahr, sind in geh\xF6rige Entfernungen Valveln angebracht. Diese hemmen den ordentlichen Lauf nicht, verh\xFCten aber den Zur\xFCckflu\xDF, unterst\xFCtzen die vermehrte Schwere, und erleichtern den Fortgang zu dem gro\xDFen Beh\xE4ltni\xDFe.

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Dieses Hilfsmittel findet daselbst statt, wo das Blut gezwungen wird zu steigen, so bald aber die steile H\xF6he aufh\xF6ret, und eine solche Vorsicht unn\xF6htig seyn w\xFCrde, wird es nicht gebrauchet.

Die Glandeln oder Dr\xFCsen filtriren die durch sie gehenden Feuchtigkeiten. Eine jede derselben ist eine Sammlung von Gef\xE4\xDFen, die dem \xE4u\xDFerlichen Anscheine nach zwar verwirrt, und dennoch in der That nach einer vollkommenen Ordnung durch einander geschlungen und gewebet sind. Wie einige Arten von Sieben den Staub durchlassen, und das Korn zur\xFCck behalten, andere aber das Mehl von sich geben, wobey die Kleyen zur\xFCck bleiben; so sondern einige von diesen Dr\xFCsen die feinsten, und andere die gr\xF6bsten Theile des Gebl\xFCtes von einander. Einige sublimiren wie der Alembicus des Distilirers, andere def\xE4ciren oder f\xFChren die Unreinigkeiten ab. Eine jede verrichtet eine Absonderung, die k\xFCnstlicher ist, als alle chymischen Arbeiten, die am meisten bewundert werden, und die jedoch alle zur Erhaltung und Beqwemlichkeit des Lebens nohtwendig und zutr\xE4glich sind. Die Muskeln, die auf dem feinsten Weberstuhle der Natur verfertiget worden, bestehen aus den d\xFCnnesten F\xE4-

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serchen, und haben doch eine unglaubliche St\xE4rke. Sie haben allerley Figuren, in allen aber herrschet der sch\xF6nste Geschmack, in Ansehung der Zierlichkeit, der Beqwemlichkeit und der Nutzbarkeit. Diese geben mit den ihnen angef\xFCgten Fl\xE4chsen die Werkzeuge der Bewegung ab. Die ersteren, die ihre Substanz zusammenziehen, haben eine den Rollen in der Mechanik \xE4hnliche Wirkung. Die letzteren, so einem Stricke gleichen, sind an einem Knochen oder einem St\xFCcke Fleische befestiget, richten sich nach der Zusammenziehung der Muskeln, und verrichteten dassjenige, um dessentwillen sie an ihren geh\xF6rigen Stellen angebracht sind. Alles dieses aber verrichten sie, nicht wie ein ungeschicktes Lastthier, sondern so geschwinde, wie der Blitz. Die Nerven sind erstaunlich kleine R\xF6hren. Sie entstehen aus dem Gehirne und werden von einer ungemein subtilen Feuchtigkeit durchdrungen. Diese senket sich in die Muskeln, bringt sie in Arbeit, verbreitet die Empfindungskraft durch den ganzen Leib, kehret bey jedem Eindrucke von aussen znr\xFCck, und giebt der Seele alle notwendigen Nachrichten. Blasen, die von einer \xF6ligen Materie ausgedehnet sind, machen an einigen Orten ein sanftes Kis-

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sen f\xFCr die Natur aus; an andern aber erf\xFCllen sie die leeren Stellen, und dienen die unebenen Theile des Fleisches glatt zu machen. Innerlich bef\xF6rdern sie die verschiedenen Bewegungen der wirkenden Maschine, und auswendig machen sie das Ansehen derselben vollst\xE4ndig, gleichf\xF6rmig und angenehm. Die Haut ist wie ein genau zur Maa\xDFe gemachter Uiberrock \xFCber das Ganze gezogen. Sie besteht aus dem zartesten Netzwerke, dessen Oeffnungen sehr klein, und dessen F\xE4den erstaunlich viel sind. Die Oeffnungen sind so klein, da\xDF nichts durch dieselben geht, so von dem Auge k\xF6nnte gesehen werden, ungeachtet sie alle Augenblick tausend und abermal tausend \xFCberfl\xFC\xDFige Beschwerungen des K\xF6rpers hindurch lassen. Der Dampf, so von den hei\xDFen Verrichtungen, die innwendig geschehen, aufsteigt wird durch diese wirklichen wiewohl unvermerklichen Schorsteine abgef\xFChret, welches dasjenige ist, was wir gemeiniglich die unvermerkte Ausd\xFCnstung nennen. Diese F\xE4den sind so h\xE4ufig, da\xDF weder die Spitze der feinsten Nadel, noch der ungleich feinere Stachel einer M\xFCcke, noch selbst die unsichtbare Lanzette eines Flohes, einen einzigen Theil durchstechen kann, ohne eine unruhige Empfindung

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und eine Vergie\xDFung von Blut zu verursachen, und folglich ohne durch einen so geringen Stich eine Nerve und eine Blutader zu verletzen.

Die Blutadern, die entweder durch diese feine durchsichtige Haut gehen, oder mit derselben parallel liegen, versch\xF6nern den Bau des menschlichen K\xF6rpers, und insbesondere diejenigen Theile desselben, die am sichtbarsten, und auch zur \xF6ffentlichen Anschauung eigentlich bestimmet sind. Sie schm\xFCcken die biegsame Hand und den schlanken Arm mit einem eingelegten lebendigen Sapphir. Sie verbreiten das sch\xF6nste Roht \xFCber die Lippen, und pflanzen Rosen auf den Wangen, da indessen das Auge wie ein Agat gl\xE4nzet, oder wie das Blau des Himmels funkelt, und in einem Kreise von polirtem Crystalle befestiget ist; da\xDF also die irdische H\xFCtte das richtigste Verh\xE4ltni\xDF das der Bildhauerkunst zum vollkommensten Muster dienet, und solchen Reichthum von Anmuhtigkeiten zeiget, die ein Maler sich umsonst nachzuahmen bestrebet.

Diese Maschine ist mit Nahrungswerkzeugen und mit Kr\xE4ften, sich derselben zu bedienen, versehen. Hieher geh\xF6ren haupts\xE4chlich die Z\xE4hne. Die v\xF6rdersten derselben sind d\xFCnne und scharf,

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und dienen die Speise von einander zu bei\xDFen, oder solche St\xFCcke von derselben abzuschneiden, die der Mund mit Beqwemlichkeit regieren kann. Die hintersten sind breit und stark, und eingezacket, wie die \xE4u\xDFerste Fl\xE4che eines M\xFChlsteins, haben kleine H\xF6lungen, und sind durch verschiedene subtile Einkerbungen rauh gemacht. Dieses setzet sie in den Stand, das, was ihrer Arbeit \xFCbergeben wird, in kleine St\xFCcken zu mahlen. W\xE4ren die Z\xE4hne, glelch unsern andern Knochen, mit der gew\xF6hnlichen Haut \xFCberzogen: so w\xFCrde die Handlung des Kauens allezeit die gr\xF6\xDFte Unruhe verursachen; und wenn etwas hartes gegessen w\xFCrde, so k\xF6nnte dadurch dieser zarte Uiberzug verletzet werden. W\xE4ren sie aber ohne alle Art von Uiberzug gelassen, so w\xFCrden sie von der rauhen Luft vieles leiden m\xFC\xDFen, und dem Durchdringen der S\xE4fte unterworfen seyn, sie w\xFCrden dadurch weich und unbrauchbar werden, und zuletzt ganz vergehen m\xFC\xDFen. Um sie aber vor solchen Verletzungen zu sch\xFCtzen, sind sie wunderbarlich glasiret, oder nett emailliret, so wei\xDF wie Elfenbein, und h\xE4rter als die andern Knochen selbst. Die\xDF machet sie zu einer Zierde des Mundes, setzet sie vor allerley Verletzungen in Si-

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cherheit und befreyet sie von dem Schmerze, der sonst mit dem Kauen w\xFCrde verkn\xFCpfet seyn.

So wie die R\xE4nde und Ki\xDFen der Billiardtafel verh\xFCten, da\xDF die Kugeln nicht herab fliegen, und dieselben zu wiederholten Versuchen der Geschicklichkeit wieder auf den gr\xFCnen Platz zur\xFCckschicken; so verh\xFCten auch die Lippen, da\xDF die Speise nicht aus dem Munde gleite, und schicken sie nebst Hilfe der Zunge, zu dem wiederholten Reiben der kn\xF6chernen M\xFChlen zur\xFCck. Indem die Lippen nebst den Backen , mit dieser Arbeit besch\xE4ftiget sind, dr\xFCcket ihre Bewegung die umher liegenden Dr\xFCsen, da denn aus unz\xE4hlichen kleinen Oeffnungen ein d\xFCnner durchsichtiger Saft heraus schwitzet, der die zerriebenen Speisen feuchtet, und sie zu einer desto leichtern Verdauung vorbereitet. Wenn der Mund nicht arbeitet, so bleiben diese Speichelqwellen gleichsam verschlossen. Wird derselbe aber durch reden oder essen beweget, als wobey die Feuchtigkeit dieser Dr\xFCsen besonders nohtwendig ist, so ermangeln sie niemals, so viel, als zureichend ist, hervor zu geben.

Wenn der Soldat sein Gewehr ladet, so w\xFCrde die Ladung nicht bis an den Boden hinab kommen k\xF6nnen, wenn sie nicht,

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vermittelst des Ladestocks, hinunter geflossen w\xFCrde. Eben so wenig w\xFCrde auch die Nahrung, die wir mit dem Munde annehmen, vermittelst der St\xE4rke ihrer eigenen Schwere, durch einen so engen und feuchten Canal, sich in den Magen hinab senken k\xF6nnen. Um solches also zuwege zu bringen, und den Weg desto besser zu bahnen, finden sich daselbst sowohl gerade, als zirkelf\xF6rmige Muskeln. Die erstern erweitern die H\xF6hlung der Kehle, und machen die Hineinlassung in dieselbe beqwemer; die letztern, so sich hinter die hinabgehende Nahrung zuschlie\xDFen, dr\xFCcken solche hinunter, und vollenden das Niederschlucken. Ehe die Nahrung in die Kehle k\xF6mmt, mu\xDF sie nohtwendig \xFCber die Oeffnung der Luftr\xF6hre gehen, und folglich ist sie in augenscheinlicher Gefahr auf die Lunge zu fallen. Dieses w\xFCrde, wo nicht den Athem g\xE4nzlich unterbrechen, doch wenigstens ein heftiges Husten und gro\xDFe Unbequemlichkeiten verursachen. Um diesem Uibel vorzubeugen, hat der alles sehende Sch\xF6pfer eine bewegliche Klappe, oder eine knorpelichte Zugbr\xFCcke dar\xFCber geh\xE4ngt. Diese wird, wenn sich das geringste St\xFCckchen Nahrung n\xE4hert, um in den Magen hineinzudringen, niedergezogen,

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und fest zugeschlossen; sobald aber der Bissen hinunter geschlucket ist, wird sie wieder losgelassen und steht offen. Durch dieses gedoppelte Kunstst\xFCck wird dieser betr\xE4chtliche Weg wider alle gef\xE4hrlichen Ann\xE4herungen gesperret und gesichert, und doch zu dem nohtwendigen Zutritte der Luft frey gelassen, und zum Athemholen beqwem gemachet.

Wenn der Brauer sein Korn zu den Verwandlungen des Brauhauses vorbereitet; so l\xE4\xDFt er es verschiedene Stunden in der Cisterne einweichen, ehe es ausgebreitet, oder auf der Darre getrocknet werden kann. Das Essen und Trinken mu\xDF gleichfalls eine ziemliche Zeit bleiben, ehe es zu den feinen H\xE4uten oder der zarten Wirkung der Ged\xE4rme, die geh\xF6rige Consistenz und Mischung erh\xE4lt. Zu dem Ende ist dieses gro\xDFe Beh\xE4ltni\xDF so stark gemachet, um das, was in dasselbe hinein k\xF6mmt, zu tragen, so ger\xE4umig, um es zu fassen, und so wunderbar eingerichtet um es eine gewisse Zeitlang in Verwahrung halten zu k\xF6nnen. Hier wird die Nahrung recht in dem Mittelpunkte der Hitzegehalten, und durch die vortheilhafteste Verbindung derselben mit der Feuchtigkeit verdauet. Hier wird sie mit andern g\xE4hrenden oder verd\xFCnnenden

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S\xE4ften versehen, und durch die Bewegung des Magens und der benachbarten Theile gleichsam geknetet; da\xDF also das kleineste St\xFCckchen abgesondert, und das Ganze so fein gemacht wird, als durch das ordentlichste Mahlen nicht h\xE4tte geschehen k\xF6nnen, wodurch denn alles in einen so ebenen, und genau gemischten Brey verwandelt wird, als man sich nur immer vorstellen kann. Von hier wird es durch eine gelinde wirkende Kraft weggetrieben, und geht allm\xE4hlich in die H\xF6hlung der Ged\xE4rme. Nahe an dem Eingange wartet die Gallblase wie ein Th\xFCrh\xFCter in seinem kleinen Beh\xE4ltnisse, und ist bereit, der weiter fortgehenden Nahrung ihre scharfen, aber heilsamen S\xE4fte mitzutheilen, welche die noch \xFCbrige Klebrigkeit derselben aufl\xF6sen, und den Weg der Ged\xE4rme, und alle feinen Oeffnungen rein halten. Dieser Beutel der Galle wird, wenn sich der Magen f\xFCllet, durch eine Ausdehnung erhoben, und wenn er sich ausleeret, gedr\xFCcket. Die erstere Stellung bringt eine Ausleerung, und die andere eine Unterdr\xFCckung der Galle zuwege. Sie ist auch mit einer Valvel von einer besondern, aber sehr beqwemen Gestalt versehen, wodurch ihr abtrocknender Saft sich nicht geschwinde ergie\xDFen kann, son-

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dern allm\xE4hlich tr\xF6pfeln mu\xDF. Wunderbare Einrichtung! welche, ohne da\xDF wir uns darum bek\xFCmmern, oder etwas davon wissen, einer \xFCberm\xE4\xDFigen Ergie\xDFung wehret, und doch den notwendigen Vorraht auf das gewisseste verschaffet.

Wenn nun die Nahrung mit diesem dazu gekommenen Safte genugsam versehen ist, so setzet sie ihren Weg durch das Ged\xE4rme weiter fort, dessen wunderbaren Windungen ungleich merkw\xFCrdiger sind, als die G\xE4nge des d\xE4dalischen Labyrinths. Sie werden von einer wurm\xE4hnlichen oder w\xE4llenf\xF6rmigen Bewegung getrieben, welche die empfangene Nahrung fortst\xF6\xDFt, und die feinen milchichten Theile derselben in die Milchgef\xE4\xDFe zwingt. Diese sind eine Reihe von sehr zarten Seigen, die in unz\xE4hliger Menge l\xE4ngst der Seite dieses sich kr\xFCmmenden Ganges befindlich sind. Eine jede davon ist so fein eingerichtet, da\xDF sie die n\xE4hrenden balsamischen S\xE4fte einnimmt, die groben Hefen aber zur\xFCck l\xE4\xDFt. Wenn diese Nahrungsr\xF6hre gerade weggienge, oder kurz w\xE4re, so k\xF6nnte die Nahrung zwar durch dieselbe gehen, sie w\xFCrde aber keine zureichende Menge n\xE4hrender Theilchen zur\xFCcklassen. Sie ist daher so k\xFCnstlich gewunden, und von einer solchen Gr\xF6\xDFe, um

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der Natur Gelegenheit zu geben, dasjenige, was durchgeht, desto genauer durchzuseigen, und das, was zu ihrem Endzwecke dienet, zu behalten. Damit ein solches langes Ged\xE4rme nicht unter sich selbst m\xF6chte verwickelt, oder dem, der es tr\xE4gt, beschwerlich werden, ist es in die nettesten Falten geleget, und nimmt nur einen engen Raum ein. Es ist wenigstens sechsmal so lang als der K\xF6rper, der es enth\xE4lt, und doch liegt es ganz beqwem und nicht gedrungen in einem Theile, und nicht einmal in der ganzen Gegend des Unterleibes, und hat in diesem kleinen Platze Raum genug zu den feinsten und wichtigsten Verrichtungen. Ungeachtet diese Nahrungssubstanz des rechten Weges niemals verfehlen kann, so kann sie doch durch zuf\xE4llige Hindernisse zur\xFCck zu treten versuchen. In diesem Falle aber k\xF6mmt eine Valvel darzwischen, und macht dasjenige, was h\xF6chst sch\xE4dlich seyn w\xFCrde, fast ganz und gar unm\xF6glich. W\xE4hrend dieses ganzen schlangenf\xF6rmigen Laufes, werden best\xE4ndig n\xE4hrende S\xE4fte abgeschicket. Dadurch k\xF6nnte nun freylich gedachte Nahrungssubstanz ihre sanfte Mischung verlieren, rauh werden, den z\xE4rtlichen Theilen wehe thun, und vielleicht gar an dem

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ordentlichen Hinausgleiten gehindert werden. Allein, um solcher Verstopfung vorzubeugen, finden sich Dr\xFCsen an geh\xF6rigen Stellen, die eine schl\xFCpferichte Feuchtigkeit von sich geben, die dem Fortgange dieser Materie zu statten k\xF6mmt, und die Absonderung des Chyli oder Milchsaftes erneuert, so lange, bis alles, was noch von den ersten \xFCbrig geblieben, abgesondert ist, und die Uiberbleibsel der Speisen, sowohl durch Zusammenziehung als Ausdehnung der Eingeweide forttreibt. —

Der Chylus, der durch alle absondernde Oeffnungen heraus gezogen worden, wird durch Millionen der feinsten G\xE4nge gef\xFChret, und in verschiedene beqweme Zellen gleichsam einqwartieret. Gleichwie ein Reisender, wenn er sich an der Landstrasse aufh\xE4lt, und geh\xF6rige Erfrischungen zu sich nimmt, zur Fortsetzung seiner Reise um so viel geschickter wird; also wird auch der Milchsaft, der in diesen kleinen Herbergen einkehret, mit einer d\xFCnnen Lympha eder w\xE4\xDFerichten Feuchtigkeit vermischet, die ihn zum Flie\xDFen geschickter, und zum Gebrauche beqwemer machet. Von da wird er in ein allgemeines Beh\xE4ltni\xDF gef\xFChret, steigt nachgehends durch eine senkrechte R\xF6hre, und

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fl\xF6\xDFet sich der linken sogenannten Schl\xFCsselader ein. Diese senkrechte R\xF6hre, die keine eigene Kraft hat, borget dieselbe von ihrer Nachbarinn. Sie liegt dicht an der grossen Pulsader, deren starkes Schlagen die Fl\xFC\xDFigkeit forttreibt, die sonst ins Stocken gerahten m\xF6chte, und sie in den Stand setzet, die g\xE4he H\xF6he hinan zu steigen, und ihren kostbaren Schatz vor der Th\xFCre des Herzens auszuladen. Das Blut hat auf jeder Station seiner weiten Reise grosse Unkosten. Es wird von einer jeden Dr\xFCse in Contribution gesetzet, und da es tausende von den feinsten Gef\xE4\xDFen mit der Materie zur unvermerkten Ausd\xFCnstung versorget, so mu\xDF es dadurch sehr arm werden. Allein, es erh\xE4lt durch den dazu kommenden Milch- oder Nahrungssaft wiederum einen frischen und zu einer h\xF6chst gelegenen Zeit anlangenden Anwachs. Allein, ungeachtet es einen Zuwachs bek\xF6mmt, wird es doch nicht feiner gemacht. In seinem gegenw\xE4rtigen rohen Zustande ist es schlechterdings ungeschickt die Lebensreise zu thun, oder die thierischen Verrichtungen fortzusetzen. Zu dem Ende wird es durch ein gro\xDFes Werkzeug von muskul\xF6sen F\xE4serchen in die Lunge gef\xFChret, da es denn in beyden Abtheilungen derselben

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tausend Str\xF6me hinein gie\xDFt. In den schwammichten Zellen dieses erstaunlichen Laboratorii sauget es die Einfl\xFC\xDFe der \xE4u\xDFerlichen Luft an sich, deren fremde Theile ihm durch und durch einverleibet werden, da denn seine ganze Substanz k\xFChl, eben und bl\xFChend gemachet wird. Wenn es solchergestalt verbessert und erh\xF6het ist, wird es zu der linken Herzkammer gef\xFChret, welches ein starker, wirksamer und nicht zu erm\xFCdender Muskel ist, der sich recht in dem Mittelpunkte des ganzen Zusammenhanges findet. Die\xDF ist eine sehr vorz\xFCgliche und nicht weniger erstaunliche Eigenschaft des Herzens. Die gro\xDFen Muskeln des Arms, und die gr\xF6ssern Muskeln der H\xFCfte werden gar bald erm\xFCdet. Die Arbeit oder die Reise eines einzigen Tages ersch\xF6pfet ihre Kraft. Der Muskel aber, der das Herz ausmachet, arbeitet ganze Monate, ganze Wochen, und ganze Jahre herdurch, und wird doch niemals m\xFCde, ihm ist sogar nicht das geringste Aufh\xF6ren bekannt. Da das Blut nun durch diese klopfende Maschine angetrieben wird, so schie\xDFt ein Theil davon mit einer ungemeinen Gewalt in den Kopf. Da schw\xE4ngert es die fruchtbringenden Felder des Gehirnes, und bringt den subtilen geistigen Thau zuwege,

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der jeder Nerve Empfindung, und jedem Gliede Bewegung mittheilet. Ein Theil flie\xDFt herunter, f\xFChret den starken Strom allen niedrigen Gegenden zu, und bringt den Nahrungsvorraht zu den geringsten Gliedern und kleinesten Gef\xE4\xDFen.

So, wie die pr\xE4chtige Donau, und der rei\xDFende Rheinstrom die W\xE4lder erfrischet, und die St\xE4dte w\xE4\xDFert, die haufenweise an ihren Ufern liegen, und die Wiesen, die sie durchschneiden, lachen und singen machen: eben also durchflie\xDFt auch dieser menschliche Flu\xDF, wiewohl mit einer ungleich reichern Fluht, und mit unendlich zahlreichern Str\xF6men die verschiedenen Gegenden des Leibes, durchgie\xDFet alles mit Kraft, und pflanzet \xFCberall Gesundheit fort.

Allein, wie soll ein Strom, der in viele tausend Can\xE4le vertheilet ist, und unz\xE4hlige Gegenden durchstreicht, zu seiner Qwelle wieder zur\xFCck gebracht werden? Sollte ein Theil davon, so wie das Wasser unserer stehenden Seen, nach einer Uiberschwemmung von seinem Wege abweichen, oder nicht im Stande seyn, wieder zur\xFCck zu kehren: so w\xFCrde eine F\xE4ulung statt finden; es w\xFCrde eine Verletzung daraus entstehen, und wohl gar der Tod darauf erfolgen. Der allweise

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Sch\xF6pfer hat daher das \xE4u\xDFerste Ende der Pulsadern, mit dem Anfange der Blutadern verkn\xFCpfet; so da\xDF dieselbe Kraft, welche die rohten W\xE4llen durch die erstern schie\xDFen l\xE4\xDFt, sie auch durch die letztern treibt. Solchergestalt wird es, ohne im geringsten aus den geh\xF6rigen Gef\xE4\xDFen zu entweichen, der gro\xDFen springenden Cisterne zugef\xFChret. Daselbst f\xE4ngt es von neuem an zu spielen, widerholet die Lebensverrichtungen, und setzet sie best\xE4ndig fort. Da, wo die einander entgengesetzten Str\xF6me in Gefahr seyn w\xFCrden, wider einander zu stossen, setzet sich ein aus F\xE4serchen bestehender Auswuchs dazwischen, welcher gleich einem aufgeworfenen Damme, die Schl\xE4ge eines jeden bricht, und beyde in ihr geh\xF6riges Beh\xE4ltni\xDF treibt. Wenn das Hin\xFCberbringen geschwinde geschehen soll, so winden die Can\xE4le sich nicht weitl\xE4uftig herum, und verlieren nichts an ihrer Weite. Soll aber der Fortgang langsam geschehen, so bekommen die R\xF6hren entweder verschiedene Kr\xFCmmungen, oder werden auch enger zusammen gezogen. Nach der Einrichtung dieser vern\xFCnftigen Regeln, und unter dem Schutze dieser weisen Vorsicht, h\xF6ret diese lebendige Fluht mit ihren Abwechselungen niemals

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aufs sondern f\xE4hrt Tag und Nacht, wir m\xF6gen schlafen oder wachen, best\xE4ndig fort, durch die Pulsadern zu springen, und durch die Blutadern wieder zur\xFCck zu kehren.

Solche bewundernsw\xFCrdige Mittel werden angewendet, den Nahrungssaft auszuarbeiten, ihn mit dem Blute zu vermischen, und durch den ganzen Leib zu vertheilen, wodurch denn die lebende Natur unterhalten wird. In der Jugend wird der Haufe derselben vergr\xF6\xDFert, im Alter wird ihr Mangel wieder ersetzet, und der Leib wird siebenzig oder achzig Jahre lang in einem der Seele zutr\xE4glichen Zustande erhalten.

Dieses sind nur einige sehr wenige Proben der Einrichtung, Regelm\xE4\xDFigkeit und Sch\xF6nheit, so an der Bildung des Menschen zu bemerken ist. Aufmerksamere Forscher entdecken noch tiefere Fu\xDFstapfen der Erfindung, und noch viel feinere Z\xFCge der Kunst. Sie entdecken dieselben nicht blos in den grossen und vorz\xFCglichsten Theilen, sondern in einem jeden Gliede und jedem Werkzeuge, und ich m\xF6chte noch wohl wagen hinzuzusetzen, in jedem ausgebreiteten F\xE4serchen, und in jedem flie\xDFenden K\xFCgelchen.

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Hoch im Kopfe sitzt das Auge so hell und gl\xE4nzend, wie ein Stern beym Anbruche des Abends. In dieser erhabenen Stellung hat es, wie ein W\xE4chter auf einem Wachtthurme, eine sehr weite Aussicht. Es bestehet blos aus schlechten Feuchtigkeiten, die in d\xFCnne H\xE4ute eingeschlossen sind, und stellet uns dennoch alle Anmuhtigkeiten der bl\xFChenden Natur, und alle Herrlichkeiten des sichtbaren Himmels dar. Wie erstaunlich wunderbar! Ein Bild des gr\xF6\xDFten Berges, und ein Gem\xE4lde der mannigfaltigsten Landschaften findet auf dem kleinen Umfange des Augapfels Platz! Wie wundernsw\xFCrdig k\xFCnstlich! Die Stralen des Lichtes malen, gleich einem unnachahmlichen Pinsel, in einem Augenblicke eine jede Art von k\xF6rperlichen Dingen in ihren wahrhaftigsten Farben und richtigsten Z\xFCgen auf die Gesichtsnerven!

Das Auge ist so zart, da\xDF ein schlechter Zufall, der von andern Theilen des Leibes kaum w\xFCrde gesp\xFCret werden, seine feine Bildung gar sehr verletzen w\xFCrde. Es wird daher mit einer besondern Sorgfalt bewahret, mit einer solchen Sorgfalt, die seinem zarten Gewebe, und seinem sich so weit erstreckenden Nutzen vollkommen gem\xE4s ist. Es liegt tief im Kopfe

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schanzet, und ist an allen Seiten mit einem starken Festungswerke von Knochen umgeben. Da der Anlauf der kleinesten Fliege seiner polirten Oberfl\xE4che beschwerlich seyn w\xFCrde: so ist es mit zween starken Vorh\xE4ngen versehen, die an einer d\xFCnnen, aus einem knorpelichten Wesen bestehenden Stange hangen, die es nicht nur vor Schl\xE4gen und jedem sch\xE4dlichen Reiben, sondern auch vor den geringsten Beschwerlichkeiten sch\xFCtzen. Im Schlafe, da keine Gelegenheit ist, den Sinn des Sehens auszu\xFCben, und da dieses Werkzeug nohtwendig mu\xDF besch\xFCtzet werden, fallen diese Vorh\xE4nge von selbsten zu, und bleiben best\xE4ndig geschlossen. Sie fliegen auch zu einer jeden andern Zeit mit einer Bewegung zu, die geschwinder ist, als die Unruhe der Furcht selber, ja ich m\xF6chte fast sagen, als die Gedanken. Zu allen Zeiten aber sind sie mit einem sehr feinen Schwamme untergef\xFCttert, der von seinem eigenen nat\xFCrlichen Thaue na\xDF ist. Dieser macht den Augapfel schl\xFCpfrig, schmieret, so zu sagen, seine R\xE4der, und machet ihn zu einer ungemeinen Wirksamkeit geschickt. An dem Ende dieses h\xE4utigen Sturmdaches, wo ich mich der kriegerischen Schreibart bedienen darf, ist eine Reihe von Pallisaden aufgerich-

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tet. Diese halten auch die geringsten St\xE4ubchen ab, und m\xE4\xDFigen die gar zu starken Eindr\xFCcke der Sonnenstralen.

Die Augenbr\xE4men sind eine Art eines nat\xFCrlichen Wetterdaches, so artig mit Haaren gedecket, und mit Bogen gew\xF6lbet ist. Die Bedeckung dienet den Schwei\xDF abzuhalten, da\xDF er nicht in die Augen tr\xF6pfele, und sie mit seinem Salze verletze. Die Bogen sind so sch\xF6n gef\xE4rbet, und so nett gebildet, da\xDF sie die Wei\xDFe der Stirn auf das vortheilhafteste zeigen, und dem ganzen Gesichte eine ausnehmende Anmuht beylegen. Weil, so lange wir wachen, die kleinen Kreise unserer Augen best\xE4ndig in Besch\xE4ftigung gehalten werden, so k\xF6nnten sie sich auch sehr leicht bewegen. Sie schlie\xDFen auf und niederw\xE4rts, nach der rechten und nach der linken Seite, mit der gr\xF6\xDFten Eile und mit gleicher Beqwemlichkeit. Dieser Umstand, zu welchem noch die Biegsamkeit des Halses hinzuk\xF6mmt, machet unsere beyden Augen so n\xFCtzlich, als wenn unser ganzer Leib, gleich den Thieren in dem Gesichte des heiligen Johannis, voll Augen vornen und hinten w\xE4re.

Das Ohr besteht aus einem auswendigen Vorhofe, und innern Zimmern, und hat Werkzeuge von einer h\xF6chst wun-

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derbaren Erfindung, und von der vollkommensten Arbeit. Die Erfindung und die Arbeit sind weit vollkommener als die Zeichnungen vom Palladio, oder der Bau des salomonischen Tempels, ungeachtet die erstem nach den pr\xE4chtigen Denkmaalen Roms gemacht sind, und der letztere nach einem himmlischen Geschmacke gebauet war. In einem besondern St\xFCcke gleicht dieses kleine Geb\xE4ude dem so ber\xFChmten Baue des Tempels, da\xDF n\xE4mlich sein Vorhof erhabener ist, als irgend ein anderes Theil desselben.

Den Vorhof nenne ich das einem halben Zirkel \xE4hnliche Beh\xE4ltni\xDF, so an dem Kopfe hervorraget, und welches nicht weich ist, noch sich senket, wie das Fleisch, damit es den Schall nicht vielmehr verschlucke, als den Widerschall desselben bef\xF6rdere. Auch ist es nicht hart und steif, wie ein Knochen, damit es keine schmerzhaften Empfindungen verursache, wenn wir uns darauf legen, sondern es bestehet aus einem knorpelhaften Wesen, so mit ausgespannten H\xE4uten bedecket ist, und worinn verschiedene sich kr\xFCmmende H\xF6hlungen ausgebreitet sind. Diese sammlen, gleichwie herumliegende H\xFCgel, oder wie Felsen, die das Meerufer umgeben, die W\xE4llen der Luft, und bringen

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sie mit einem starken Triebe zu der ausgespannten feinen Haut des H\xF6rfelles. Der enge Eingang zu den innern Beh\xE4ltnissen ist f\xFCr die Besch\xE4digungen von kleinen Insecten durch eine Art eines Morastes in Sicherheit gesetzet, so aus einer bittern und klebrichten Materie besteht, die ihrem Geschmacke widrig, und ihren F\xFC\xDFen hinderlich ist. Der Hammer und Ambos, der Steigbiegel und die Trommel, die sich kr\xFCmmenden Labyrinthe, und die schallenden Gallerien, nebst den andern k\xFCnstlichen St\xFCcken, tragen alle das ihrige zum Geh\xF6re bey, und sind unbeschreiblich k\xFCnstlich.

Die Bildung sowohl als die Spannung der Geh\xF6rnerven mu\xDF erstaunlich, und unbegreiflich vollkommen seyn; da sie das kleineste Zittern der Luft empfinden, und die feinsten Ver\xE4nderungen derselben so leicht unterscheiden. Das gr\xF6bere Blasen, so von dem ganzen \xE4u\xDFerlichen K\xF6rper empfunden wird, hat eine sehr geringe Wirkung auf diese zarten Saiten. Hingegen stimmen sie mit den feinen, mit den bedeutenden Bewegungen der Luft, welche auch das sch\xE4rfste Gef\xFChl nicht zu unterscheiden f\xE4hig ist, auf das vollkommenste \xFCberein. Diese lebendigen Saiten, so von der Hand des Allm\xE4chtigen

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gestimmt werden, und allenthalben durch die wiederhallenden Inseln, und die klingenden Zellen verbreitet sind, empfangen den Eindruck des Schalles, und pflanzen denselben bis zum Gehirne fort. Diese geben der Musik ihren Reiz, und theilen die vern\xFCnftigen Belustigungen der Unterredung mit.

Das Auge vernimmt nur die Dinge, die vor ihm sind; da hingegen uns das Ohr von allem dem, was \xFCber, hinter und um uns herum geht, Nachricht giebt. Das Auge ist mitten in der Dunkelheit unn\xFCtz und kann durch keine verriegelte Th\xFCr, und durch, kein verschlossenes Fenster dringen. Das Ohr aber kann seine Nachrichten mitten durch die dickste Finsterni\xDF, und die kleinste Spalte bekommen. Das Auge ist blos in unsern wachenden Stunden wirksam, das Ohr aber ist allezeit ausgebreitet, und allezeit zug\xE4nglich; es ist ein Courier, der niemals m\xFCde wird, eine Schildwache, die immer aus ihrem Posten steht. Sollte ja ein Ungl\xFCck eines von den Werkzeugen des Gesichtes oder Geh\xF6res unt\xFCchtig machen: so hat unser Sch\xF6pfer uns zu dem Ende ein jedes gedoppelt gegeben.

Gleichwie der Luft zitternde Ersch\xFCttrungen eingedr\xFCcket werden, die blos

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durch die Werkzeuge des Geh\xF6rs zu empfinden sind: so werden uns auch Geruch verursachende Theilchen ebenfalls von der Luft zugef\xFChret, die nur blos durch die Werkzeuge des Geruchs empfunden werden. Die Nasenl\xF6cher sind unten weit, damit eine gro\xDFe Menge von den Ausfl\xFC\xDFen hineindringen k\xF6nne, oben aber enge, damit sie, wenn sie hineingedrungen sind, ihre Glieder schlie\xDFen, und mit gr\xF6\xDFerer Kraft wirken k\xF6nnen. Die D\xFCnste, so von stinkenden oder wohlriechenden K\xF6rpern aufsteigen, sind ganz unbegreiflich fein. Die besten Vergr\xF6\xDFerungsgl\xE4ser, die tausend und abermal tausend Thierchen in einem Tropfen verfaulten Wassers zeigen, k\xF6nnen nicht ein einziges Theilchen von denselben zu unserm Gesichte bringen. Sie segeln in unz\xE4hliger Menge unsern Augen und Ohren vorbey, und sind doch so erstaunlich klein, da\xDF sie alles unser Forschen vergeblich machen. Dem allen ungeachtet, sind doch die Netze des Geruchs so kl\xFCglich geleget, und die L\xF6cherchen derselben so k\xFCnstlich eingerichtet, da\xDF sie diese verschwindenden Fl\xFCchtlinge fangen k\xF6nnen. — Sie saugen allen balsamischen Geruch des Fr\xFChlings, alle aromatische Ausd\xFCnstungen des Herbstes an sich, und setzen uns in den Stand, da\xDF

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wir uns an den unsichtbaren Kostbarkeiten der Natur weiden k\xF6nnen.

Da wir mit diesen Werkzeugen versehen sind; so kann kein L\xFCftchen \xFCber die Wiese fliegen, keine Wolke den Glanz der untergehenden Sonne abbilden, kein einziger Ton von allen Einwohnern der wirbelnden Schatten in die H\xF6he gehen, woraus unsere Sinnen nicht ein neues Vergn\xFCgen sch\xF6pfen sollten.

Eine andere F\xE4higkeit zu einem h\xE4ufigen Vergn\xFCgen, hat unser g\xFCtiger Sch\xF6pfer uns durch die Mittheilung des Geschmackes gegeben. Vermittelst desselben belustiget die Nahrung, so unsern K\xF6rper erh\xE4lt, unsern Gaumen. Zuerst bewihrtet sie uns mit einer angenehmen Mahlzeit, und hernach theilet sie uns die uns so vorteilhafte St\xE4rkung mit. Wenn ein Scheermesser mit Oele benetzet wird, so wird es desto sch\xE4rfer; gleichergestalt belebet auch der Speichel, der auf unsere Zunge flie\xDFt, und die Nerven derselben netzet, sie zu der sch\xE4rfsten Empfindung. Dieser Sinn ist auf eine besonders g\xFCtige und weise Art von dem Sch\xF6pfer eingerichtet, und giebt uns eine immerw\xE4hrende, wiewohl stillschweigende Erinnerung zur M\xE4\xDFigkeit. Ohne zu der Rache Gottes, oder zu dem Schrecken des strengen Ge-

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richts seine Zuflucht zu nehmen, dienet er uns zu einer kr\xE4ftigen Abrahtung von unordentlichen und ausschweifenden Begierden; Denn die Aus\xFCbung der M\xE4\xDFigkeit giebt seinen Kr\xE4ften die feinste Sch\xE4rfe, und seinem Genusse den besten Geschmack; dahingegen Schwelgerey und Wohllust den Appetit schw\xE4chen, die Sch\xE4rfe desselben abnutzen, und die Ergetzlichkeiten sehr schwach, wo nicht gar vollkommen unschmackhaft machen. Das Gesicht, der Geruch, der Geschmack, sind nicht blos so viele Qwellen des Vergn\xFCgens, sondern auch eine vereinigte Versicherung unserer Gesundheit. Sie sind wachsame und genaue Aufseher, die unsere Nahrung untersuchen, und die Eigenschaften derselben erforschen, ob sie angenehm, oder unangenehm, heilsam, oder sch\xE4dlich sind. Zur Aus\xFCbung dieser Pflicht sind sie vortreflich geschickt, und haben eine h\xF6chst beqweme Lage dazu, da\xDF also nichts durch den Mund kann zugelassen werden, bis es ihre Untersuchung ausgestanden, und einen Pa\xDF von ihnen bekommen hat.

Zu allen diesen k\xF6mmt noch, als ein nohtwendiger und vortheilhafter Zusatz, der Sinn des Gef\xFChles hinzu, welches die ganze Sammlung vollkommen machet. Da andere Sinne einen besondern Wohn-

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platz haben; so ist dieser \xFCber den ganzen K\xF6rper verbreitet. In den Fl\xE4chen der H\xE4nde, an den Spitzender Finger, und allen \xE4u\xDFerlichen Theilen des Fleisches ist er am geschwindesten und lebhaftesten, so, wie die Vortruppen einer Armee besonders aufmerksam und munter seyn m\xFCssen. Doch, was sage ich von Vortruppen? die ganze Armee des Xerxes (*) ist weder in Ansehung der Anzahl, noch der Ordnung, mit der Menge von Nerven zu vergleichen, die das Gewebe der Haut durchgehen, und das Gef\xFChl bef\xF6rdern. Was f\xFCr eine gl\xFCckliche M\xE4\xDFigung ist nicht bey diesem Sinne beobachtet! Er ist weder so scharf, als hie H\xE4ute des Auges, noch so stumpf, als die dicke Haut der Fersen. Das erstere w\xFCrde uns zur Last gereichen, und selbst die weichesten Federn w\xFCrden uns dr\xFCcken. Bey dem letztern aber w\xFCrde unser K\xF6rper fast ganz f\xFChllos seyn. Es ist aber nicht nur dieser, sondern alle Sinne nach den Bed\xFCrfnissen unsers gegenw\xE4rtigen Zustandes auf das genaueste eingerichtet. W\xE4ren sie sch\xE4rfer, als sie

(*) Die Armee bei Xerxes  belief sich auf f\xFCnf Millionen, zweyhundert und achtzig tausend Mann; und es k\xF6mmt kein gr\xF6\xDFeres Kriegsheer in der ganze Historie vor. Herodot. Lib. VII.

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in det That sind: so w\xFCrden sie uns lauter Angst verursachen; w\xE4ren sie hingegen schw\xE4cher: so w\xFCrde uns nichts damit gedienet seyn. -

Das alles kr\xF6nende Geschenk, wodurch das Vergn\xFCgen und der Nutzen, so uns aus allen Sinnen erw\xE4chst, erh\xF6het und vergr\xF6\xDFert wird, ist die Sprache. Durch die Sprache kommen uns die Augen und Ohren anderer Leute, die Vorstellungen, die sie von Dingen haben, und die Anmerkungen, die sie machen, zu statten. Und was ist nicht die Zunge, die unsere Stimme deutlich, und die Sprache aus derselben macht, f\xFCr ein bewundernsw\xFCrdiges Werkzeug! Sie hat weder Knochen noch Gelenke, und doch beqwemet sie sich mit der \xE4u\xDFersten Biegsamkeit in jede Bildung und Stellung, die einen Gedanken ausdr\xFCcken, und einen Wohlklang verursachen kann.

Dieser kleine Umfang muskul\xF6ser F\xE4serchen ist der k\xFCnstliche Meister unserer Worte. Durch die Zunge theilen wir die Geheimnisse unsers Herzens mit, und machen selbst unsere Gedanken h\xF6rbar. Durch sie lehren wir die Unwissenden, und tr\xF6sten die Betr\xFCbten. Durch sie preisen wir Gott, und erbauen uns unter einander, Durch sie erkl\xE4ren die Gelehrten die

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verborgensten Wissenschaften, und durch sie prediget man die ewige Wahrheit. Die Zunge bringt aber nicht nur die Reden, sondern auch noch dazu die Musik zuwege. Sie verursachet sanfte T\xF6ne wie die Laute, und starke wie die Trompete; sie ahmet den Klang der Geigen, und den Schall der Orgeln nach. Wenn wir durch Hilfe derselben ein geistliches Lied erschallen lassen: so vers\xFC\xDFen wir dadurch unsere Sorgen, und erleichtern unsere Arbeit; wir ahmen den Ch\xF6ren der Engel nach, und schmecken einigermassen schon im voraus die himmlischen Freuden. Da die Zunge eine freye und leichte Bewegung erfordert, so ist ihr eine geraume H\xF6hlung zum Aufenthalte angewiesen, und sie ist rund herum mit Speichelbeh\xE4ltnissen umgeben, die allezeit bereit sind, ihren schl\xFCpfrig machenden Thau von sich zu lassen. Sie beweget sich unter einem hohlen Dache, so der Stimme gleichsam zum Schallbrette dienet, und derselben eben so viel St\xE4rke und Anmuht giebt, als die Saiten der Geige von dem hohlen Geh\xE4use, worauf sie gespannet sind, erhalten.

Weise, bewundernsw\xFCrdig weise, und ausnehmend g\xFCtig ist die Einrichtung beydes der freywilligen und unfreywilligen Bewegungen. W\xE4re diese Einrichtung

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umgekehret, was f\xFCr beklagensw\xFCrdige Unbeqwemlichkeiten w\xFCrden alsdann nicht statt finden, und was f\xFCr ein unvermeidlicher Untergang w\xFCrde nicht daraus erfolgen? W\xFCrden nicht kl\xE4gliche Unbeqwemlichkeiten daraus entstehen, wenn die Entledigungen der Ged\xE4rme und der Blase im geringsten nicht der Erlaubni\xDF unsers Willens unterworfen w\xE4ren? W\xFCrde nicht unser unvermeidlicher Untergang daraus erfolgen, wenn die W\xFCrkung des Herzens die Mitwirkung unserer Gedanken erforderte, oder wenn das Gesch\xE4fte des Athemholens auf die Zustimmung unsers Willens warten m\xFC\xDFte?

Der Wille hat bey einigen Vorf\xE4llen nicht die geringste Stimme. Bey andern hingegen bestimmt und befiehlt er, wie ein unumschr\xE4nkter Oberherr, und es wird keinem Monarchen auf der ganzen Welt ein so vollkommener Gehorsam geleistet. Wenn er nur winket, so laufen und fliegen die Geister, seine Befehle auszurichten, den Arm auszustrecken, die Hand zuzuschlie\xDFen, die Stirne mit Furchen zu \xFCberziehen, oder l\xE4chelnde Gruben in die Wangen zu machen. Wie leicht und wie augenblicklich werden alle diese Befehle ausgerichtet! Lasten in die H\xF6he winden, und den Hebebaum gebrau-

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chen, ist eine schwere und erm\xFCdete Arbeit. Allein, wir bewegen die R\xFCckgradsgelenke mit allen daran h\xE4ngenden Beh\xE4ltnissen, wir setzen die Beine mit dem ganzen darauf liegenden Leibe fort; wir stehen von unsern Sitzen auf, und springen von der Erde in die H\xF6he, und unungeachtet viele Kraft dazu angewendet und eine nicht geringe Last aufgehoben wird, so wird uns solches doch nicht schwer, und wir beklagen uns so leicht nicht \xFCber Erm\xFCdung.

Da\xDF alles dieses ohne Beschwerlichkeit und durch die blosse Handlung des Willens ausgerichtet wird, ist h\xF6chst wunderbar; da\xDF aber alle diese Bewegungen geschehen, wiederholet und fortgesetzet werden, ohne da\xDF uns selbst einmal die Art und Weise, wie solches geschieht, bekannt ist; das ist etwas \xFCber alle Maa\xDFen erstaunliches. Wer kann eine einzige Melodie auf einem Claviere spielen, ohne den Unterschied der Schl\xFC\xDFel und die Grunds\xE4tze der Musik gelernet zu haben? Es ist solches ja eine unm\xF6gliche Sache. Und dennoch bewegt das Gem\xFCht des Menschen eine jede Triebfeder der k\xF6rperlichen Maschine mit der meisterhaftesten Geschicklichkeit, ob es gleich von den Eigenschaften ihrer Voll-

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kommenheiten, und der Art und Weise ihrer Wirkungen nicht das geringste weis.

Man gebe einem vern\xFCnftigen Menschen, der keine Fl\xF6te kennet, dieselbe in die Hand, ohne ihn zu unterrichten, wie er damit umgehen mu\xDF; so wird er nicht einmal wissen, wie er einen Ton aus derselben hervorbringen soll, und noch viel weniger wird er eine regelm\xE4\xDFige Melodie darauf spielen k\xF6nnen. Und doch wissen wir Menschen von uns selbst unsere Stimme zu bilden, einzurichten und zu ver\xE4ndern. Wir k\xF6nnen von Natur, und mit einer unge\xFCbten Fertigkeit die matten Cadenzen des Kummers, die muntern Arien der Freude, die tiefen und zitternden T\xF6ne der Furcht, und den hohen und hastigen Klang des Zorns erschallen lassen.

Das Auge eines Bauern, welches von der Optik und den Regeln derselben nicht die geringste Kenntni\xDF hat, verl\xE4ngert und verk\xFCrzet seine Axe, erweitert seinen Apfel und zieht ihn zusammen, und das alles ohne den geringsten Ansto\xDF und zur geh\xF6rigen Zeit. Es beqwemet sich mit der gr\xF6\xDFten mathematischen Richtigkeit nach der Entfernung der Dinge, und nach den verschiedenen Graden des Lichtes. Es wachet dadurch die merkw\xFCrdigsten Expe-

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rimente der verbesserten newtonischen Philosophie, ohne die geringste Kenntni\xDF von dieser Wissenschaft zu haben, oder sich einmal seiner eigenen Geschicklichkeit bewu\xDFt zu seyn.

Welches sollen wir am meisten bewundern? Die Menge der belebten Werkzeuge, ihre vollkommene Bildung, ihre untadelhafte Ordnung, oder die Macht und Herrschaft, so die Seele \xFCber sie aus\xFCbet? Zehn tausend Z\xFCgel sind ihr in die H\xE4nde gegeben, und dennoch regieret sie dieselben alle, nicht nur ohne die geringste Verwirrung und Unordnung, sondern auch mit einer Fertigkeit, und einer Geschicklichkeit, und mit einer Hurtigkeit, die mit nichts zu vergleichen ist.
Topic revision: r24 - 06 Sep 2012, KatalinBlasko
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