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Bl\xE4ttern: < IV. Jahrgang, XI. St\xFCck - IV. Jahrgang, XIII. St\xFCck >



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IV. Jahrgang, XII. St\xFCck, den 23. M\xE4rz 1774.

I. Wissenschaften.

Geschichte der Gelehrsamkeit in Ungarn.

Ein Freund, welcher in einem Theile dieses Feldes r\xFChmlich fortarbeitet, hat uns unl\xE4ngst mit einem Schreiben beehret. Wir wollen es unsern Lesern mittheilen: vielleicht werden einige derselben aufgemuntert, zur Vervollkommnung des bearbeiteten Werkes durch Aussuchung noch unbekannter Beytr\xE4ge, das Ihrige zuzulegen.

In den neuen Zeiten, sagt unser verdienstvoller Freund, waren viele Gelehrte beflie\xDFen, die namen derjenigen aus der Dunkelheit zu ziehen, welche sich unter der Regierung Mathias Corvinus, in dem K\xF6nigreiche Ungarn durch Wissenschaften und Gelehrsamkeit hervorgethan und ber\xFChmt gemacht haben: so viel mir aber bekannt ist; so verblieb die Reihe der Aerzte noch immer unvollkommen. Es best\xE4ttiget dieses gelehrte Herr Paul Wala\xDFky; indem er in seinem zu Leipzig 1769. gedruckten Tentamen Historiae Litterar. sub Matthia Corvino aufrichtig bekennet: er h\xE4tte mit uns\xE4glicher M\xFChe, und durch vielf\xE4ltiges Nachsuchen, gleichwohlen nicht mehr: als folgende Medicos, welche unter Matthias Corvinus, sich einen Ruhm erworben haben, herausbringen k\xF6nnen; n\xE4mlich, einen Julius Nemilius, Christophorus Gallus, und dann den Bartholom\xE4us Montagna. Von jenem, der k\xF6nigliche Leibarzt und ein Mitglied der gelehrten Gesellschaft an der Donau gewesen, hat Bonfinius Erw\xE4hnung gemacht, in seiner Geschichte von Ungarn, und in der Vorrede zum Philostratus; dann Conrad Celtes in der Episodiis, welche des Lucii Apuleii Cosmographie der Wiener Ausgaben vom Jahre 1497. vorgesetzt worden: Diesen zween aber lie\xDF der ber\xFChmte Dichter und Bischoff Zu F\xFCnfkirchen, Janus Pannonius, in seinen Epigrammen, das verdiente Lob, wiederfahren.

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Da\xDF aber viel mehrere Aerzte zu den Zeiten Matthias Corvinus, in Ungarn, mit Ruhm gelebet haben, wird aus folgendem erhellen.

Galeottus Martius, welcher des K\xF6nigs Sekret\xE4r, best\xE4ndiger Reisegef\xE4hrter und Vorsteher der Bibliothek zu Ofen gewesen, bezeiget es selbst (Libro de promiscua doctirina cap. XV. p. 140.) da\xDF er die Arzneywissenschaft nicht nur innen gehabt, sondern auch ausge\xFCbet habe.

Da\xDF der Bischof von Caserta, sich am Corvinischen Hofe aufgehalten habe, ist aus dem XXXVII. der Briefe Matthias Corvinus, welche zu Kaschau 1743. herausgekommen sind, zu ersehen. Der K\xF6nig empfahl ihn seinem Schw\xE4her, K\xF6nig Ferdinand von Sicilien bestermassen; weil er ihm seine Gesundheit auf eine geschickte Weise hergestellet hatte: er nennet ihn einen rechtschaffenen, und in seiner medicinischen Wissenschaft, die er aus\xFCbte, wohl erfahrnen Mann.

Matthias Varadj, ein Priester aus dem Orden St. Pauli des ersten Einsiedlers, hat um das Jahr 1481. in seiner Vaterstadt Gro\xDFwardein, wovon er den Namen f\xFChret, dem Volke, nicht allein durch seine Predigten; sondern auch durch seine gro\xDFe Erfahrung der Arnezywissenschaft besondern Nutzen geschaffet. S. Eggerer in Fragmine Panis Lib. I. cap. 3O. p. 251.

Nicolaus de Dacia, ein Ungar, machte sich durch seine Kenntni\xDFe in der Medicin und Astronomie ber\xFChmt, um das Jahr 1464. Man sehe in Fabritii Biblioth. med. & infim. aetat. Lib. XIII. pag. 329. ex Jacob. Quetif. Tom. I. pag. 827.

Philippus Valor, diesen hatte der Florentinische Philosoph und Medicus Marsilius Ficinus an den k\xF6niglichen Hof zu Ofen, im Jahr 1489. abgeschickt, mit jenem Traktate, worinnen eine Anweisung enthalten war:*) wie man vom Himmel ein dauerhaftes langes Leben erhalten k\xF6nne? Diesen hatte er des K\xF6nigs Majest\xE4t zugeeignet; den Valor, seinen Z\xF6gling aber, als einen in der Astrologischen Medicin sehr erfahrnen Mann, dahin empfohlen, da\xDF er, nach dieser Vorschrift, f\xFCr die Gesundheit und das lange Leben des Monarchen desto besser sorgen k\xF6nnte.

Man wei\xDF indessen, da\xDF dieser K\xF6nig das Jahr darauf an einem heftigen Schlagflu\xDF gestorben ist.

Johannes Stock, Magister, und Doktor der Arzneygelehrtheit, anf\xE4nglich Propst zu Altofen, alsdann im Zipser Kapitel, war Leibmedicus beym Kaiser und K\xF6nig Sigmund, Albert und der verwittweten K\xF6nigin Elisabeth.

Man sagt, da\xDF er den K\xF6nig Matthias im Jahre 1458. bewogen habe, die Propstey Zips, mit neuen Freyheitsbriefen zu begnaden, welche der Papst Pius II. im folgenden Jahre best\xE4ttigte.

*) Liber de vita valida & longa coelitus comparanda.

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Die XLVI. Canones jener Kirchenversammlung, welche er unter derRegierung dieses K\xF6nigs im Jahre 1460. in Zips zusammen beruffen, sind beym Peterfi zu finden.*)

In der Halle der Propstenkirche in Zips, siehet man noch heut zu Tage die Aufschrift:

Anno MCCCCLXII. incoeptum hoc Opus Praepositi D. Joannis Stock.

Da\xDF dieser w\xFCrdige Mann zehn Jahre darauf gestorben, ist aus dem Verzeichni\xDFe der Herren Pr\xF6pste dieses Capitels zu entnehmen. Es ist bekannt, da\xDF unter dem K\xF6nige Wladislaus II. im Jahre 1614. viele ber\xFChmte Medici der Landesversammlung in Ofen beygewohnet haben. F\xFCnfe derselben, welche sich vor den \xFCbrigen auszeichneten, lie\xDF der kranke Phrygepan, zu einem Consilio Medico einladen; wie dieses der k\xF6nigliche Leibarzt Manardus bezeiget*). Dieses waren Ueberbleibs\xE4le von den Corvinischen Zeiten; deren Abgang, wegen der ver\xE4nderten Umst\xE4nde, nicht wieder ersetzet wurde. Man lese hier\xFCber den 3ten Brief des gedachten Manardus im IIten Buche seiner Briefsammlung.

So viele habe ich von den bekannten Aerzten unter der Regierung des glorw\xFCrdigsten K\xF6niges Matthias Corvinus hier anzeigen k\xF6nnen. W\xFCrde jemand im Stande seyn ihre


*) Sacror. Concil. Hungar. Part. I. p. 208.

*) Manardus, Archiater, epistolar, Medicinal. Lib. V. epist. I.

Anzahl zu vermehren, und den Namen eines, um unser Vaterland verdienten Mannes, der Vergessenheit zu entrei\xDFen; der wird mir und allen Liebhabern der vaterl\xE4ndischen gelehrten Geschichte einen besondern Gefallen erweisen, wenn er uns seine Entdeckung mittheilen will.

v. V.

II. Naturgeschichte.

Die Geschichte des Menschen, nach seinem nat\xFCrlichen Zustande, macht ohnstreitig eines der vornehmsten Kapitel in der allgemeinen Naturgeschichte aus, und dasjenige, was in Absicht auf seinen Geist und K\xF6rper, und deren W\xFCrkungen, noch ganz Geheimni\xDFvoll ist, und in gewissen au\xDFerordentlichen Auftritten seines Lebens, auf eine besondere Weise die Aufmerksamkeit reizt, k\xF6nnte in Form einer Sammlung von menschlichen Anekdoten dieser Art, einen angenehmen Anhang und Zusatz bey diesem wichtigen Kapitel abgeben. Hierher z\xE4hlen wir vorz\xFCglich auch die wunderbaren und seltnernW\xFCrkungen der Einbildung, und die dabey sich \xE4u\xDFernden Auftritte, in dem Leben, der Menschen. Wir wollen dessen, was in den Schriften verschiedener gelehrten Aerzte und Naturforscher hievon angef\xFChret wird, gar nicht erw\xE4hnen; sondern blos einen besondern Auftritt dieser Art mittheilen, der um so merkw\xFCrdiger seyn

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mu\xDF als die darinn agierende Person selbst die Person eines ber\xFChmten Arztes und Naturforschers gewesen ist.

Der bekannte David Fr\xF6hlich*) erz\xE4hlet in seinen Astrologischen Bedenken, zum Jahre 1636. unter andern, aus guten gesammelten F\xE4llen dieser Art, die Begebenheit von einem vornehemen Herrn (die wir schon auch in einem andern neuen Buche gelesen haben) der in eine solche Art der Melancholie gerathen, da\xDF er sich einbildete: er w\xE4re tod, sich in dieser vesten Einbildung, viele Tage aller Speisen und Trankes enthielte, und der deswegen ohne Zweifel h\xE4tte umkommen m\xFCssen, wenn er nicht, durch den gl\xFCcklichen Einfall eines klugen Medicus, auf folgende Weise w\xE4re gerettet, worden: Man trug n\xE4mlich den Patienten, als eine Leiche in ein finsteres dazu eingerichtetes Gemach, als in eine Todtengruft, in welches einige dazu abgerichtete Personen, ebenfalls als todte eingekleidet zuvor hineingegangen sind, und ihre Pl\xE4tze eingenommen hatten; sodann wurden auf einem daselbst befindlichen Tisch allerhand k\xF6stliche Speisen, und Getr\xE4nke hingesetzet, zu deren Genu\xDF einer von den verstellten Todten die \xFCbrigen Mitglieder in diesem Todtenreiche aufgefordert. Da nun darauf alle dazu abgerichtete Personen aufgestanden, und den aufgesetzten Vorrath mit gutem Appetit geno\xDFen, dachte der vermeynete todte, der dieses indessen mit Verwunderung ansahe, er m\xFC\xDFte sich nun auch in diese Gesellschaft schicken und mitmachen; und nadchdem dieses mehrmalen wiederholet worden, so sammelte er Kr\xE4fte, und kam zu seinem vorigen Witz und Verstand wieder.

Mit diesem Fall, hat derjenige, den wir beschreiben wollen, einige Aehnlichkeit; er ist aber noch weit sonderbarer, und sowohl den eigenltichen Ursachen, als auch der \xFCbrigen Beschaffenheit nach, von jenem sehr unterschieden: Weil bey diesem unsern, durch eine verworrene Einbildung verursachten Auftritt, kein eigentliche Unsinn und v\xF6llige Melancholie statt gefunden; sondern die st\xE4rkste Einbildung des Todes, mit dem gr\xF6\xDFten Gef\xFChl des Lebens, und so zu sagen, die Abweseneheit und Gegenwart des Geistes in einer beson-

*) Denen, die mit der Ungarischen gelehrten Geschichte nicht bekannt sind, k\xF6nnen wir von diesem gelehrten Manne, bey der Gelegenheit nur folgendes zur Nachricht hersetzen. David Fr\xF6hlich ist zu K\xE4\xDFmark in der Grafschaft Zips um das Jahr 1600 gebohren: sein Vater war Johann Fr\xF6hlich Rector bey der damals sehr guten Schulein der XIII. Stad Leibiz nahe bey K\xE4\xDFmark. Er studirte mei\xDFtens zu Frankfurt an der Oder, und hielt sich beynahe zw\xF6lf Jahre in der Fremde auf Reisen auf. Um das Jahr 1631. succedirte er seinem Herrn Curateli M. David Pr\xE4torius, welcher Medicus und Rector der Schule zu K\xE4smark war, im Rektorate, und erhielt wegen seiner Gelehrsamkeit und Verdienste vom Kaiser Ferdinand III. den Titel eines Mathematici Caesarei per Hungariam. Er selbst nennet sich in verschienen Dedicationen, die wir haben, bald | Medicum & Mathematicum, bald Astronomum Caesareopoliotanum. Der Professor Mathiscos Tiew in Altdorf, hat ein sch\xF6n Eclogium auf ihn geschrieben, welches Zwittinger und Bel in Adparatu anf\xFChren!

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ders merkw\xFCrdigen Mischung und Abwechslung beysammen gewesen ist: auch diese ganz artige Scene sich innerhalb vierzehn T\xE4gen nach und nach auf eine unmerkliche Art und von selbst geendiget hat.

Unser Held, ist der durch seine gelehrte Schriften und gro\xDFe Praxim ber\xFChmte D. Joh. Adam Reimann, Acad. Caesar. Nat. Curios. Socius, und Physicus der Grafschaft Scharosch in Oberungarn, dessen in unsern Anzeigen schon mehrmalen mit Ruhm gedacht worden. Er ist im Jahre 1779. in einem beynahe 80. j\xE4hrigen Alter in seinem Geburtsort, der k\xF6nigliche freyen Stadt Eperies, verstorben; und spielte diese besondere Scene eines eingebildeten Todten, zwey Jahre vor seinem w\xFCrklichen Absterben. Es war, wie mein Diarium ausweiset, im Monat Februarius 1768. Da ich an einem Abend, durch gute Freunde, in das Haus, dieses seiner sonst zahlreich gewesenen Familie v\xF6llig beraubten, und ganz einsam lebenden alten Greises hinberuffen wurde, mit Vermeldung, da\xDF er mit einem Schlagflusse befallen worden, und seinem Ende nahe sey. Ich kam hin: man lie\xDF ihm in Gegenwart verschiedener anwesenden Herren und Freunde, da er ganz au\xDFer sich da lag, die Ader \xF6ffnen; worauf er nach und nach zu sich kam, und endlich, als er so viele Leute um sich sahe, und sich in seiner Ruhe ohne Noth gest\xF6rt zu werden glaubte, auch bey seinem sehr schweren Geh\xF6r nicht recht bedeutet werden konnte, uns alle mit Unwillen hinweg wie\xDF, ohne dem Chyrurgus, den n\xF6thigen Verband der Ader am Fu\xDFe zu erlauben, welches eben, da er bald darauf wieder in einen tiefen Schlummer fiel, dannoch bewerkstelliget wurde. Da er sich das Sterben an einem Schlagflusse immer prophzeyet hatte, und nicht allein sein hohes Alter; die nicht zu arztm\xE4\xDFige Lebensart; und das seit vielen Jahren sehr schwere Geh\xF6r; sondern auch seine start anstossende Zunge; und andere solche Merkmale die Erf\xFCllung solcher Prophezeyhung sehr wahrscheinlich machten; besonders aber der sich er\xE4ugnete Vorfall, deren Gewi\xDFheit anzuzeigen schien: so dachte ich selbst nicht anders, als da\xDF diese Nacht f\xFCr ihn die letzte seyn und ich ihn am folgenden Tage, nicht anders, als tod antreffen w\xFCrde. Ich gieng gleich mit dem Morgen zu ihm hin, und wie sehr verwunderte ich mich, da ich anstatt des gemuthma\xDFten Todten, diesen alten Hyppocrates in seinem Schlafrocke eingeh\xFCllet, und mit seiner wei\xDFen Spitzhaube bedeckt, mit seiner gew\xF6hnlichen gro\xDFen Tabackspfeiffe in dem Munde, um den Tisch herum spatzirend in seiner Wohnstube antraf. So bald er mich erblickte und ich ihm den guten Morgen zugeruffen hatte, kam er mit einer sehr beweglichen Mine, auf mich zu, that die Pfeiffe aus dem Munde, und sagte; mit etwas aufgehobenen H\xE4nden; denken Sie, ich bin diese Nacht gestorben: certissime (das war sein angew\xF6hntes Wort, welches er immer

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in seine Reden einmischte) da dachte das Sterben sey schwerer, allein es war bey mir ziemlich leicht. Ich sahe ihn mit L\xE4cheln an, und erwiederte: es k\xE4me mir wunderlich f\xFCr, da\xDF er sich f\xFCr todt hielte; da ich ihm doch mit der Tabackspfefe in der Hand erblickte, welches kein Auftritt eines wahrhaftig Todten seyn k\xF6nnte. Er l\xE4chelte dar\xFCber, sahe mich an, und sprach: ja, ia, so bin ich also nicht todt? Nein! sagte ich, und ich freuete mich, ihn so munter zu finden, da ich in Ansehung seines gestrigen Zustandes, wegen seines Lebens, wirklich besorget gewesen w\xE4re. Er fieng darauf an, sich gegenw\xE4rtig zu seyn und fragte mich nach meinem Befinden. Gleich aber, nach dem er sich auf einen Lehnstuhl niedergelassen hatte, fieng er wieder an, und fragte mich: wer ihm dann die leichenpredigt halten werde? Und bath, da\xDF man ihn, ohne viele Ceremonie, zu Grabe bringen m\xF6chte. Der alte Herr Andreas Keschmarsky, sein vertrauter Freund, fieng eben damals, da ich ihn, \xFCber diese Frage ansah, bey allen seinen Ernste an zu lachen, und versicherte mich, da\xDF er schon \xFCber eine Stunde mit ihm zu thun habe, und ihn von dieser Einbildung nicht wegbringen k\xF6nnte. Dieser Zustand dauerte bis zwo Wochen, aber immer abnehmend fort, und gab artige Auftritte. Einen jeden guten Freund, oder Freundinn, die ihn besuchten, sahe er als Personen an, die wegen seines Todesfalles zum Condoliren hingekommen, und dankte f\xFCr das herzliche Mitleiden aufs beweglichste, und oft mit Thr\xE4nen in den Augen. Wenn man ihm mit Discursen von \xF6ffentlichen Angelegenheiten, und Wirthschaftssachen, als Weinbau und andern solchen Dingen unterhielt, und von Zeit zu Zeit was ins Ohr sagte, zeigte er immer alle Gegenwart des Gem\xFCths und sagte das Seinige auch dazu: so bald man ihn aber in seiner Stille und Melancholie ungest\xF6hret lie\xDF, kam der angefangene Todtenauftritt sogleich wieder vor. Einsmals machte er in meiner und anderer guten Freunde Gegenwart das Fenster auf, legte sich mit dem Kopf hinaus, und sah eine Weile, ganz verdr\xFC\xDFlich auf eine und die andere Seite hin; endlich zog er den Kopf wieder zur\xFCck, warf das Fenster zu, und sagte etwas zornig; ists doch leichter zu sterben, als begraben zu werden; wenn kommt denn die Schule die Leich abzuholen? — Ein andersmal mu\xDFte ebenfalls in meiner Gegenwart, Herr Kern, ein angesehener Mann und Apotheker, der die Officin in seinem Hause hatte, und sein bester Freund und Pfleger gewesen ist, herauf kommen, und Nachricht geben: ob der Sarg bestellt sey, und was er kosten werde, wobey er ihn zugleich bath, ihn nicht gar zu theuer zu zahlen — Der sonst sehr w\xFCrdige Greis, hatte die gew\xF6hnliche Schwachheit des Alters, (quo minus viae restat, quo plus viatici querunt) — Noch ein andersmal, trafe ich ihn, in den Fr\xFChstunden, zwischen zween damaligen Herrn PP. c. S. J. sitzend,

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und dabey einem ziemlich starken Unwillen an. Diese Herren kamen aus Hochachtung hin, ihm einen Besuch zu machen, oder vielleciht auch aus Neugierde, ihn, in disem Zustande, zu sehen; weil sie aber das jus parochiale hier exercirten, so dachte er, sie w\xE4ren gekommen, die von seiner Leiche geh\xF6rige Stolam zu fordern, da nun das Geldausgeben f\xFCr ihn die schwerste Sache war, so bezeigte er sich sehr heftig, berief sich auf seinen Adel und andere Gr\xFCnde, ihnen diese Zahlung zu verweigern, und ward auch nicht ruhig, bis sie ihren Abschied genommen hatten, welches dann ungemein artig mit — anzusehen war. — Mehr Auftritte dieser Art f\xFChre ich nicht an. — Nach und nach kam er v\xF6llig zu sich, und konnte sich, da er wieder zu sich kam, nicht genugsam \xFCber diese Geschichte verwundern, wenn man ihm dieselbe erz\xE4hlte. Ich mu\xDFte ihm besonders in den folgenden Jahren, wenn es um diese Zeit kam, diese Erz\xE4hlungen wiederholen, und ich merkte, da\xDF er dabey sehr pensiv wurde, und eine Wiederer\xE4ugni\xDF dieser Zuf\xE4lle besorgte. Nachdem seine Kr\xE4fte darauf immer merklicher abgenommen hatten, starb er zwey Jahre darauf, bey aller Gegenwart des Gem\xFCths, nicht an einem Schlagflu\xDFe, wie er vcrmuthet hatte; sondern an einer Lungenveryterung, zum best\xE4ttigenden Beweise, da\xDF die Arten so, wie die Zeit und Stunde des Todes, lediglich von der unver\xE4nderlichen gewissen Bestimmung Gottes des Herrn \xFCber Tod und Leben, abh\xE4nge. Von den \xFCbrigen Lebensumst\xE4nden und Verdiensten dieses ber\xFChmten Medicus wird Herr D. V. in seinem unter H\xE4nden habenden Werke de eruditis & celebribus Hungariae Medicis ohnstreitig mehrere Nachrichten geben, welche wir, bald lesen zu k\xF6nnen, sehnlich w\xFCnschen.

K. l.

Vermischte Nachrichten.

Anmerkungen \xFCber das ungarische Dorf Schimand.

Die indianischen Fabeldicher erz\xE4hlen uns, da\xDF sich ein Ort in ihrem Vaterlande befinde, welcher von lauter ungestalten und bucklichten Leuten bewohnet wird. Ein sch\xF6ner wohlgemacher Fremdling, sey eins dahin gekommen, und sogleich h\xE4tten sich alle Inwohner versammelt, die au\xDFerordentliche Gestalt dieses Fremdling zu bewundern. Sie hielten ihn f\xFCr eine Mu\xDFgeburth: sie beschimpften und verspotteten diese in ihren Augen so h\xE4\xDFliche Figur; ja sie w\xFCrden ihn vielleicht get\xF6dtet haben, wann ihn nicht ein Weiser aus dieser bucklichten Gemeinde, der vielleicht schon von unbucklichte Menschen gesehen hatte, ihrer Wuth entrissen h\xE4tte. — Was thut ihr, meine Freunde! sagte er, beschimpfet diesen ungl\xFCcklichen nicht; danket viel-

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mehr dem Himmel da\xDF er unsern R\xFCcken mit einem fleischigen Gebirge geschafffen, und unsere Gestalt, weit \xFCber diesen Elenden erhaben hat.

Nachstehende Erz\xE4hlung hat keinen Fabeldichter; sondern einen bew\xE4hrten Geschichtschreiber zum Verfasser.

In unserm Vaterlande, sagt er, befindet sich in der Sar\xE4nder Gespannschaft ein Dorf, mit Namen Schimand, welches vormals von Hinkenden, Bucklichten und Lahmen, kurz: allein von Kr\xFCpeln bewohnet ward. Niemanden war es erlaubt, sich bey ihnen niederzulassen; wei es ihr Interesse erforderte, ihren Schlag nicht zu verderben. — Zwar die g\xFCtige Natur war nicht so grausam, diese Leute so ungestaltet und h\xE4\xDFlich zu bilden: sie selbst waren unmenschlich genug, ihre neugebohrnen Kinder auf allerley Art zu verstalten, und zu Kr\xFCppeln zu machen. Sie durchstrichen das ganze Land, wo sie auf den Jahrm\xE4rkten, mit Singen beweglicher Lieder, Geld erbettelten, und durch ihre Gebrechen, Mitleiden erweckten. Auch hatten sie ihre eigene Sprache, welche die Sprache der Blinden hie\xDF, und geno\xDFen den ; Vorzug vor andern rechtschaffenen und arbeitsamen Unterthanen, da\xDF sie von allen Abgaben g\xE4nzlich befreiyet waren.

Wie lange diese Scheusale des menschlichen Geschlechts in bemeldetem Schimand geduldet worden, kann man nicht gewi\xDF sagen; wenigstens sind sie noch im Jahre 1536. um welche Zeit, mein Gew\xE4hrsmann Niklas Olahi*) dieses erz\xE4hlet, nicht ausgerottet gewesen; welches aber vermuthlich bald nachher geschehen seyn mu\xDF; weil man nach dieser Zeit, bey den vaterl\xE4ndischen Geschichtschreibern nichts mehr von diesen Leuten aufgezeichnet findet.

v. W.

*) In seiner Hungaria, S. de originibus genis regionis situ, &c. Siehe auch Belii Adparatum ad Hist. Hung.


In Wien zu haben in der Baderischen Buchhandlung neben dem Todtenkopf in der Bognergasse.
Topic revision: r4 - 09 Jun 2011, AgostonBernad
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