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Bl\xE4ttern: < V. Jahrgang, XXIX. St\xFCck - V. Jahrgang, XXXI. St\xFCck >



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V. Jahrgang, XXX. St\xFCck, den 26. Julii 1775.

I. Naturgeschichte.

Beschreibung des Cementwassers, unterschiedlicher warmen B\xE4der und andrer Naturalien in den ungarischen Bergst\xE4dten.*)

Das ber\xFChmte Cementwasser in denen ungarischen Bergst\xE4dten, welches nach gemeiner Art zu reden, das Eisen in Kupfer verwandelt, wird in dem Kupferberwerk Herrngrund genannt, angetroffen, welcher Ort eine Meilewegs von Neusohl in dem Gebirge gegen Mitternacht lieget, und aus lauter Heyer- und Bergbedienten Wohnungen bestehet. Die Gruben ist die gr\xF6\xDFte und weitl\xE4uftigste unter allen in denen sieben Bergst\xE4dten und schon \xFCber 400 Jahre alt; wie dann derselben erste Anlegung in das Jahr 1251. gesetzet

*) Diese Beschreibung ist bereits im Jahre 1703 verfasset worden, wir theilen sie hier, als ein sch\xE4tzbares St\xFCck mit, und zwar unver\xE4ndert.

wird. Die ersten Waldburger daselbst waren etliche deutsche Herren, welche vom K\xF6nige Bela durch Ertheilung gro\xDFer Privilegien aus (Deutschland) ihrem Vaterlande hieher gezogen worden, deren Nachkommen auch, als sie Gott in gemeldtem Bergwerk reichlich gesegnet, die k\xF6nigl. freye Bergstadt Neusohl angelegt und erbauet haben, welches geschehen, im Jahre Christi 1345. Als aber im vorigen S\xE4culo ihre Nachkommen durch einen langw\xFCrigen Unseegen gezwungen worden, solche Gruben aufzulassen, haben solche Ihre damals glorreichest regierende Kaiserl. Majest. angenommen und gebauet; bey welcher es auch bis dato geblieben, dergestalten, da\xDF sie nunmehro v\xF6llig und ganz allein dem h\xF6chsten Aerarium zugeh\xF6ret.

In dieser Gruben nun befindet sich obengemeldtes Cementwasser und zwar an etlichen unterschiedlichen Orten, wie dann sieben dergleichen Cementkammern gez\xE4hlet werden, unter welchen ich nur die gr\xF6\xDFte und vornehm-

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ste also beschreiben will, wie ich im Jahre 1700. den 23. Nov. sie selbsten in Augenschein genommen. Ich hatte, als ich dazu eingefahren 700. Klafter in die Tiefe auf der Mannsfarth zu fahren, wiewohl sie nach dem Schacht und perpendikul\xE4r gerechnet, nur 70. Klafter tief in der Erden lieget, und ist nichts anders, als ein in einem Felsten ausgehauener, auf der einen Seiten mit Brettern und H\xF6lzern verschlagener Ort, ungefehr 35. Schuh lang, und 2. bis 3. breit. Das Wasser tr\xF6pfelt aus dem Felsen, welcher gegen Abend lieget, \xFCberall gem\xE4chlich heraus, und wird theils in h\xF6lzernen 2. Spannen breiten Tr\xF6gen, theils in den im Felsen auf den Boden ausgehauenen Kavit\xE4ten gesammelt: in diese (Tr\xF6ge und Kavit\xE4ten) nun wird das Eisen st\xFCck oder stangenweis gelegt, und so lang darinnen liegen gelassen, bis es zu Kupfer und hart worden, da es heraus genommen, und wieder ein anders hineingebracht wird, welches zuweilen in 4. zuweilen in 8. 12. auch mehr Wochen geschiehet, nach dem n\xE4mlich das Cement stark zuflie\xDFet, oder sch\xE4rfer und kr\xE4ftiger ist. Oben \xFCber dem Wasser sammlet sich eine Haut, welche man den Schmund nennet, und der \xF6fters herab genommen, und zu Kupfer geschmolzen wird.

Die Bretter, wie auch die W\xE4nde sind \xFCberall mit Vitriol angelauffen.

Der Abflu\xDF des Wassers gehet in die Tiefe durch die \xFCbrigen Cementkammern durch, welche aber alle kleiner sind. In diese k\xF6nnen sie auf einmal 20 Centner Eisen legen, davor sie 40. bis 50 Centner des sch\xF6nsten Kupfers herausbekommen. Dann dieses ist hiebey absonderlich zu bemerken, da\xDF man allezeit noch einmal so viel Kupfer heraus bekommt, als man Eisen hinein thut, und darf eben das Eisen nicht neu seyn; sondern man nimmt meistens altes, zerbrochenes Eisen, das sonsten zu nichts mehr zu gebrauchen ist. Ich habe etliche Seitel von diesem Wasser mit mir aus der Gruben genommen, und damit unterschiedliche Experimenten gemacht, derer etliche ich k\xFCrzlich melden will: Ich habe n\xE4mlich ein Seitel evaporieren lassen, und 3. Unz. gelbes und r\xF6thliches Pulver davon bekommen, welches s\xFC\xDFlich adstringirend, und am Geschmack einem Vitriolo-Veneris nicht zugleich gewesen: In eine andere Quantit\xE4t, habe ich genugsames Oleum Tartari per Deliquium gegossen, so ist es erstlich tr\xFCb und stahlgr\xFCn worden, nach einer kurzen Zeit, hat sich ein eben solch gr\xFCnes Sedimentum auf den Boden gesetzt, obenher aber das Wasser klar und ohne Geschmack geblieben mit dem Spirit. Salm. vol. vermischt hat es sich auch alsobald getr\xFCbet, und am Boden ein stahlgr\xFCnes Sedimentum gehabt, das obere Wasser aber war an Farbe Sapphyrblau und ohne sonderliche Geschmack. Als ich das Wasser beyderseits abrauchen lassen, ist ein salziges gelblichtes Pulver in fundo geblieben. Von den Spir. Vitrioli und anderen darein gegossenen

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Acidis hat es sich wenig oder gar nichts ver\xE4ndert.

Sonsten siehet dieses Wasser an der Farbe gr\xFCnlich aus, dem Geschmack nach ist es s\xFC\xDFlich adstringirend und vitriolisch, ist auch schwerer, als ein gemeines Brunnenwasser, doch aber ganz klar, nur wann es eine zeitlang in einem Gef\xE4\xDFe stehet, setzet sich etwas gelbes und tr\xFCbes auf den Boden.

Die Heyer, wenn sie sich etwas \xFCbel, absonderlich in dem Magen befinden, so nehmen sie einen guten Trunk davon zu sich, welches sie heftig per superiora und inferiora purgiret; ingleichem gebrauchen sie es in Ophthalmia anstatt eines Collyrii &c. Aus welchem allen ich schlie\xDFe, da\xDF dieses Cement nichts anders sey, als Aqua vitriolo Cupri saturata, oder ein durch Kupfer G\xE4ng und Mineren flie\xDFendes, und mit von selbigen hin und wider abrodirten uns solvirten particulis cupreis impregnirtes vitriolisches Wasser. Dahero wenn ein Eisen darein gelegt wird, greiffen die particulae vitriolatae selbiges alsobald an, adh\xE4riren ihm und rodiren e so lang, bis sie es soviren, diese solvirte particulae ferri aber pr\xE4cipitiren, das in dem Wasser sich befindende Kupfer, welches sich alsdann anstatt des Eisens dahin setzet. Dieses confirmiret ferner so wohl der Augenschein als das Experimentum Tachenii in seinem Hippoer, chymic, welches ich auch probiret, und wahr gefunden, und bestehet selbiges hierinnen.

Man nehme eine Quantit\xE4t Aquafort solvire darinnen genugsames Silber, und lege alsdann etliche Kupferblech hinein, so wird man gleich sehen, wie die Sch\xE4rfe des Scheidenwassers das Silber verl\xE4st, und das schw\xE4chere Kupfer angreift, das Silber aber anstatt des solvirten Kupfers sich in Form eines kompacten Pulvers hinsetzet: man lege aber ferner in eben diese Solation etliche St\xFCck Eisen, da wird man ebnerma\xDFen gleich gewahr werden, wie es das Eisen angreift und solviret, an diese Stelle aber das vormals, in diesem Wasser solvirte Kupfer pr\xE4cipitirt und niederschl\xE4get.

Was den Augenschein selber anlangt, so kann jedermann sehen, wer ein St\xFCck Cementkupfer betrachten will, da\xDF es aus lauter auseinander gesetzten K\xF6rnlein bestehet, und wird man bey der Ver\xE4nderung des Eisens in Kupfer deutlich gewahr, da\xDF das Wasser die erste Tage, das Eisen nur obenher angreiffet, und sich nur gleichsam ein Kupferstaub darauf setzet, hernach aber h\xE4ufet sich solcher Staub oder Sand immer mehr und mehr, und setzet sich noch einmal so dick, an statt des solvirten Eisens hin, bis es endlich kompact, hart und ein vollkommenes Kupfer wird. Und dieses ist das notabelste, so ich bei dem Cementwasser im Herrngrundt annotiret.

Bey dem St\xE4dtlein Schm\xF6lnitz in Oberungarn flie\xDFt zwar auch ein dergleichen Cementwasser, aus dem da-

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selbst sich befindenden Kupferbergwerk heraus, es ist aber lang nicht so stark und kr\xE4ftig, als dieses, und wird nun am Tage in etliche Rinnen aufgefa\xDFt, auch da\xDF darein gelegte Eisen erst in einem viertel-meistentheils auch halben Jahre zu Kupfer: gleichwol findet man bey den Historicis mehrere Nachricht davon, als von dem im Herrngrundt, wie dann dessen Joh. Ludov. Godefredus in seiner Archontologica Cosmica, Tit. de Regno Hungariae p. m. 309. gedenket, aber zugleich unrecht berichtet, da\xDF das Eisen in selbigem in gar kurzer Zeit, wie ein Laim oder Thon weich, hernach aber im Feuer zu Kupfer geschmolzen werde, welches sich laut meines obigen Berichts nicht so verh\xE4lt, und das Cementkupfer zu schmelzen nicht vonn\xF6then, weil es schon rein und pur genug ist. Etwas bessere aber doch auch ganz unvollkommene Nachrichten habe ich in dem Ortelio redivivo & continuato per Martin Mayern, Tit. de Regn. Hung. p. 18. gefunden, da er also schreibet; bey dem St\xE4dtlein Schm\xF6lnitz kommt aus dem Metallbergwerk ein Wasser hervor, welches das Eisen in Kupfer verwandelt, welches ein gro\xDFes eintr\xE4gt, denn dasselbige Kupfer wird mit ganzen W\xE4gen voll j\xE4hrlich nach Pohlen und so fort auf Fl\xF6\xDFen oder Kahnern nach Preu\xDFen gef\xFChret, und von da in andere entlegene L\xE4nder.

(Die Fortsetzung folgt.)

II. Vermischte Nachrichten.

Von der Erziehung der Zigeuner.

Der Mensch wird durch die Erziehung gebildet, und zu dem vorbereitet, was er in der Reise seiner Jahre vorzustellen im Stande seyn soll. Die Erziehung giebt dem K\xF6rper, entweder die erforderliche Gesundheit, St\xE4rke und Dauer, oder macht denselben z\xE4rtlich, und zu allen m\xFChsamen Gesch\xE4ften ganz und gar unbrauchbar, und untauglich. So kann auch der Gem\xFCtscharakter eines Menschen, die Quelle seiner Ausschweifungen oder Tugenden, ordentlicher und vern\xFCnftiger Weise, nirgends so sicher, als in seiner Erziehung und nachherigen Umgang gesuchet und wirklich entdecket werden. Hiervon finden wir die vollkommenste Best\xE4ttigung an dem Beyspiel der Zigeuner, deren v\xF6llige Unart und Ausgelassenheit, aus keinen andern Quellen, als eben aus diesen hergeleitet werden kann. Man darf weiter nichts thun als den Zigeuner von seiner Entstehung und Geburt an, bis zur Erreichung seiner vollkommenen Jahre bey allen seinen Abwechslungen recht betrachten, so wird man leicht gewahr werden, wie nicht sowohl sein K\xF6rper, als vielmehr seine Seele und seine ganze Gem\xFCthsverfassung, eben dadurch verwahrloset, und

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g\xE4nzlich heruntergesetzt und abgew\xFCrdiget werde.

Eine Zigeunerin die w\xE4hrend ihrer gesegneten Umst\xE4nde, sich neben dem M\xFC\xDFigang und einmal angew\xE4hnter Faulheit, mit Betteln, Stehlen, und allerhand Betr\xFCgereyen abgiebt, bringet endlich in ihrer elenden H\xFCtte, oder auch nach Beschaffenheit ihres Zustandes, und wenn es nicht anders seyn kann, unter freyem Himmel, in einem Geb\xFCsche, oder wo sie sich sonsten verbergen kann, ein Kind gl\xFCcklich zur Welt. Wenn es nun dabey recht zigeunerisch zugeht, und zugleich den Hebammendienst ein Weib von eben diesem Geschlechte vertritt, so wird in dem Erdboden ein Gr\xFCbchen ausgegraben, mit kaltem Wasser (als worinnen sie meistens ihre Kinder zu baden pflegen) angef\xFCllet, und dieses mu\xDF, wegen mangel des Hausraths, anstatt eines Gef\xE4\xDFes dienen, in welchem das neugebohrne Kind , abgewaschen und gebadet wird. Nachdem wird das Kind in Lumpen die vorhin schon die m\xFCtterliche Sorgfalt auf den Stra\xDFen und D\xF6rfern aufgefunden hat, eingeh\xFCllet, und zu der heiligen Taufe bef\xF6rdert; wobey aber fast niemalen Zigeuner, sondern andere Leuthe, die nicht von ihrem Geschlechte sind, zu Pathen oder Taufzeugen erbethen und angenommen werden. Nach vollzogener Taufhandlung, f\xFChret der Vater des Kindes, seine Gevattern in die Schenke *)

*) Dieser Umstand hat vielleicht einigen Anla\xDF gegeben zu glauben, da\xDF die Zigeuner ihre Kinder in denen Wirthsh\xE4usern taufen: was aber sowohl hievon, als auch von der Wiederholung der Taufe, die man ihnen ebenfalls zur Last leget, zu halten sey, dar\xFCber wollen wir in Zukunft, wenn von der Religion dieses Volks etwas wird angef\xFChrt und gesagt werden, unsere Gedanken er\xF6fnen.

oder in Ermangelung dessen, in ein anderes Haus, und bewirthet dieselben mit Wein oder Brandwein und Semmel. Ist er aber verm\xF6gend und will freygiebig seyn, so l\xE4sset er auch andere Speisen zurichten, und solche seinen Gevattersleuten vorsetzen: er selbst aber speiset in ihrer Gesellschaft nicht; sondern machet nur lediglich zu ihrer Bedienung die n\xF6thigen Anstalten. Hiemit wird nun diese Handlung beschlossen; die Taufzeugen gehen auseinander, und die Kindbetterin h\xE4lt in ihrem Zelte, oder in einem \xF6den Keller, und wo sie sich sonsten befindet, ihr Wochenbett, sammt dem Kinde, gr\xF6\xDFtentheils beym Feuer und Rauch, wo sie in den ersten T\xE4gen von ihren Gevattern einige Erquikungen erh\xE4lt, und mit Speise versorget wird. Doch aber sind diese zigeunerische W\xF6chnerinnen zuweilen gegen ihre Gevatter so unh\xF6flich, und undankbar, da\xDF sie kein Bedenken tragen, wenn ihnen das eingelegte Pathengeld, oder die zugeschickten Speisen unanst\xE4ndig sind, ihre Unzufriedenheit an den Tag zu legen, jenen Vorw\xFCrfe zu machen, ja um solcher Ursachen halber, ihnen auch so gar die Gevatterschaft g\xE4nzlich aufzuk\xFCndigen.

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Einige Zigeunerinnen **) pflegen ihre neugebohrne Kinder mit einer gewissen Salbe zu schmieren, und legen sie alsdenn an die Sonne, oder an das Feuer, damit das Fett in die Haut recht eindringe, und also ihre schwarze Sch\xF6nheit, um desto mehr erh\xF6het werde. Sie bedienen sich keiner Wiegen bey Einschl\xE4ferung ihrer Kinder, besetzen auch diesen Hausrath nicht; sondern das Kind schl\xE4ft entweder in den Armen seiner Mutter, oder auf dem Erdboden. Nach ausgehaltenem Kindbette (welches aber selten \xFCber acht Tage dauert) gehet die Mutter mit ihrem Kinde zur Kirche, und h\xE4lt den gew\xF6hnlichen Kirchgang, betritt aber gleich darauf die n\xE4mlichen Wege, die sie sich gen\xF6thiget sahe, auf eine kurze Zeit zu verlassen; sie bettelt mit dem kleinen Kinde in Armen desto dreuster, und mauset allenthalben, wo sie nur zum Streich kommen kann. Wird sie dar\xFCber ertappet, so setzet es auf frischer That Schl\xE4ge ab, und wenn sie sich nicht anders sch\xFCtzen kann, so stellet sie das unschuldige Kind den Streichen best\xE4ndig entgegen, ziehet sich sachte zur\xFCck, bis sie in das Freye kommen, und endlich schnell davon lauffen kann. Wenn das Kind einigerma\xDFen zu Kr\xE4ften gekommen, und ohngef\xE4hr drey Monat alt worden ist, so

**) Dieses ist von denen Deutschredenden Zigeunern, die sich in Siebenb\xFCrgen mit Wahrsagen und Betteln ern\xE4hren, haputs\xE4chlich zu verstehen.

tr\xE4gt die Mutter dasselbe selten mehr auf den Armen, sondern meist auf dem R\xFCcken, wo es in einem leinen Tuch, auch so gar in der harten K\xE4lte nackend sitzet und mit dem blo\xDFen Haupte \xFCber die eine oder andere Achsel seiner Tr\xE4gerin herf\xFCrraget. Hat sie mehrere Kinder (als woran es selten fehlet; nachdem dieses Volk sehr fruchtbar ist) so f\xFChret sie noch eines oder zwey neben sich an der Hand, die gr\xF6\xDFeren laufen voraus, oder hinten nach, und mit einem solchen Zuge durchstreichet sie H\xE4user und Dorfschaften. Diese Kinder, ohnerachtet dieselbe die Farbe ihrer Eltern haben, sehen dennoch weder h\xE4\xDFlich noch ekelhaft aus, sondern recht munter lebhaft und artig. Sie sind meist mit einer recht guten Gesichtsbildung, wohlgestalten und aufs beste verbundenen Gliedmassen begabet, haben ein krauses Haar und schwarze lebhafte Augen. Ueber der Stirn wird ihnen das Haar, damit es dem Kind nicht \xFCber die Augen h\xE4nge, sondern das Gesicht frey behalte, zusammen gebunden und geflochten; welches als ein Kennzeichen, zugleich aber auch als eine Zierde eines Zigeunerknabens angesehen werden kann.

Sobald das Kind von selbsten zu gehen verm\xF6gend ist, so wird es nach ihrer Art zum Tanzen abgerichtet, von dem die Kunst in nichts anderen bestehet, als da\xDF sie nackend auf einem Fu\xDF herumspringen, mit der Ferse des andern aber, best\xE4ndig an den hintern Backen anschlagen, und da-

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mit einem Klatschen verursachen. Die Zigeunerkinder pflegen diesen Tanz, als ein Mittel anzuwenden, wodurch sie denen Vorbeygehenden etwas abgewinnen wollen; daher auch niemand bey dem sie etwas sp\xFChren, neben ihren H\xFCtten vorbeyzugehen im Stande ist, ohne von einem Schwarm solcher Kinder, mit Tanzen und Geschrey eine ziemliche Strecke begleitet zu werden; die sich doch nicht anders, als entweder mit einigen Pfennigen, oder gar mit Ungestimm und Drohungen oder gar mit Schl\xE4gen abfertigen lassen. Nebst diesem werden die n\xE4mlichen Kinder, besonders von ihren M\xFCttern zum Stehlen recht vorsetzlich abgerichtet: indeme die Mutter bettelt, oder mit Wahrsagen und dergleichen T\xE4ndeleyen, die Hausleuthe unterh\xE4lt, so wissen die T\xF6chter und S\xF6hne, den Zeitpunkt wohl abzumessen, sich bey solcher Gelegenheit in die Winkel des Hauses einzuschleichen, und entweder Kuchelger\xE4the, oder Bethzeug, E\xDFwaaren, Kleidungen, und was ihnen sonsten in der Geschwindigkeit am ersten vorf\xE4llt, zu erwischen, und sich mit dem Raub auf das eilfertigste wegzumachen. Auf dem Lande fangen sie G\xE4nse, H\xFCner und ander Federvieh auf, welches sie sehr geschickt und listig an sich zu locken, und unvermerkt zu erhaschen wissen *).

*) Hiemit stimmet ziemlich \xFCberein, was H\xE4nn in seinen unvergleichlichen Gedanken vom Stadt- und Landbetteln, auch von der Dieberey des Zigeunervolks gesagt hat. Dieberey des Zigeunervolks gesagt hat. „Bey Tage schicken sie ihre Weiber und Kinder auf die benachbarten D\xF6rfer zum Stehlen aus, welches sie unter dem Vorwand des Betteln und Wahrsagens durch Entwendung Kleider, Waaren, und leinen Ger\xE4ths aus den Bauernh\xE4usern, Abfangung der H\xFCner und G\xE4nse, oder was ihnen sonst zum mausen vork\xF6mmt, sehr meisterlich und beh\xE4nde zu verrichten wissen. — Sind auch schnell zu Fu\xDF, da\xDF man sie nicht wohl einholen kann."

Gl\xFCck es ihnen, mit dergleichen geraubten Fl\xFCgelwerk, so fortzukommen, da\xDF sie dasselbe lebendig wegbringen k\xF6nnen; so treiben sie damit Handel, und verkaufen es anderw\xE4rtig; gelingt ihnen aber der Streich nicht so gut, und wenn sie in Gefahr stehen, durch den L\xE4rm und Geschrey verrathen zu werden; so ersticken sie es auf der Stelle, und essen es alsdann selbsten auf; nachdem ihr Geschmack zwischen einem geschlachteten und erstickten oder krepirten gar keinen Unterschied zu machen wei\xDF.

Einer solchen Verf\xFChrung zum B\xF6sen sind nun die Kinder der Zigeuner von der zartesten Kindheit an best\xE4ndig unterworfen, und laufen bis in das zehende Jahr meist nackend herum. In Wintert\xE4gen beh\xE4ngen sie ihren K\xF6rper, um in etwas f\xFCr der K\xE4lte gesichert zu seyn, mit alten Lumpen, im Sommer aber gehen sie entweder ganz blo\xDF einher, oder h\xE4ngen sich, ein St\xFCck von einem alten leinen Tuch, in Form eines Mantels

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um den Hals, damit sie die gestohlnen Sachen darunter verbergen k\xF6nnen. An keine Schule, Zucht, Unterricht, Arbeit, wozu dem Kinde die geh\xF6rige Anleitung so n\xF6thig w\xE4re, wird h ier nicht im mindesten gedacht, au\xDFer da\xDF zuweilen, wenn es die Noth erfordert, eines von ihnen die Handb\xE4lke dr\xFCckt, indem der Vater schmiedet. Ansonsten laufen sie in ihrer Wildheit und Ausgelassenheit immer hinweg, bis ihnen das Heurathen, welches aber gr\xF6\xDFtentheils sehr fr\xFCh uns zeitig geschiehet *) einf\xE4llt. Dazumal f\xE4nget der Sohn erst an, das Handwerk und Gewerbe seines Vaters zu erlernen, und sobald er nur etwas darinnen zu thun verm\xF6gend ist, nimmt er sich in dem 13ten oder 14ten Jahre seines Alters, ein Weib, von zw\xF6lf oder eben so viel Jahren, als er selbst hat, und f\xFChret alsdenn seinen Ehestand und

*) Toppeltin Osig. & occas. Transilv. cap. 17. pat 56. Saepe uxores ducunt vix pubertatem egressi, quae iterum levi de causa repudiant.

sein Hauswesen in eben der Unordnung, wie er solches von seinen Eltern gesehen und gelernet hat.

Diese Gestalt hat die Erziehung der Zigeuner zeither in Ungarn gehabt, einige sehr wenige Horden ausgenommen, die durch einen besserenUmgang, auf andere Gedanken gebracht, ihre Kinder und Nachkommen aus einem so gro\xDFen Verderben herausgerissen und dadurch bewirket haben, da\xDF sie andern brauchbaren Menschen \xE4hnlicher worden sind. Daher man sich auch nicht wundern darf, da\xDF dieses Volk mitten unter gesitteten Leuten, ungebessert geblieben ist, und dieses Geschlecht, sich in der alten ruhmlosen Unart, eine so lange Reihe von Jahren erhalten habe. Nachdem nun aber nach Anleitung Allerh\xF6chster Verordnungen im Lande die eigentliche Quelle und der erste Grund dieses Uebels gebessert wird, so ist im geringsten nicht mehr zu zweifeln, da\xDF man die erw\xFCnschte Fr\xFCchte davon in kurzer Zeit mit Freuden ansehen werde.
Topic revision: r3 - 09 Aug 2012, KatalinBlasko
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