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V. Jahrgang, XXXVII. St\xFCck >
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V. Jahrgang, XXXVI. St\xFCck, den 6. September 1775.
I. Geschichte.
Versuch einer Geschichte der k\xF6nigl. freyen Stadt Eperies in Oberungarn
\xA7 I.
Die Oberungarische k\xF6nigliche freye Stadt Eperies, liegt in der Grafschaft Scharosch, und ist in Vergleichung, mit den zwo \xFCbrigen ebenfalls darinn liegenden k\xF6niglich freyen St\xE4dten Barthfeld und Zeben, die erste und ansehnlichste. Die Anmuth ihrer Lage hat wenig ihres gleichen: Mit den sch\xF6nsten fruchtbarsten G\xE4rten, Feldern, angenehmen H\xFCgeln, Bergen und W\xE4ldern, von allen Seiten, doch mit genug offener freyen Aussicht, umringt, besitzt sie alles, was das Leben ihrer Inwohner gl\xFCcklich und vergn\xFCgt machen kann. Sie hat in der Nachbarschaft drey alte w\xFCste Bergschl\xF6sser, n\xE4mlich das Scharoscher, auf einem hohen kegelf\xF6rmigen ganz abgesonderten Berge, das Schlo\xDF Kapiwar, dann das bey Scharoschwaralja; und au\xDFer dem eine sch\xF6ne Anzahl von betr\xE4chtlichen D\xF6rfern, mit herrschaftlichen Landsitzen und Kastellen im Gesichte. Ihre Mauern, Gr\xE4ben und alten Vestungswerke sind noch in ziemlichem Stande. Sie ist an Gr\xF6\xDFe der vier Meilen davon in dem Abaujvarer Komitat gelegenen Stadt Kaschau, fast v\xF6llig gleich, und l\xE4nglicht, wie dieselbe, gebaut, auch nach dem Verh\xE4ltni\xDFe ihrer Gr\xF6\xDFe volkreich. Sie hat zwey Thore, und fast mitten an der Abendseite ein Pf\xF6rtel; und wird von dreyerley Nationen bewohnt, darunter die Deutsche, die ansehnlichste, die B\xF6hmische oder Slovakische die zahreicheste, und die Ungrische die schw\xE4chste ist. Die Stadt- und Hauptkirche zum H. Nicolaus stehet auf dem Markte in dem Obertheil der Stadt, mit einem sch\xF6nen hohen Thurm, auf welchem die Stadtuhr, und die Glocken befindlich sind: gleich dabey ist die ehemalige Ungri-
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sche und nachmalige eigentliche Jesuiterkirche, welche durch einen \xFCber einem Schwibbogen angebrachten Gang, mit der Residenz der V\xE4ter dieser Gesellschaft zusammengehangen, deren Theil der itzige Stadtpfarrer bewohnet: und so dann die Schule. Das Franciscanerkloster liegt auf dem erhabenen Theile der Stadt, an der so genannten Windischen Gasse; und durch die vorz\xFCgliche Freygebigkeit des Gr\xE4flich Klobuschitzkischen Hauses, ist dieselbe, mit zwey Kirchenth\xFCrnen versehen, und sch\xF6n und pr\xE4chtig erbauet worden. Das Minoritenkloster liegt in dem untern Theil der Stadt, vest am Niederthor, mit einer gleichfalls p\xE4rchtigen Kirche und Thurn, auf welche die vornehme alte adeliche Familie derer von Ketzer, den meisten Aufwand gemacht hat. Das Rathhaus, die Wage, das Comendantenhaus, die Gr\xE4flich Klobuschitzkischen, Szyrmaischen Desch\xF6fischen H\xE4user, sind sehr ansehnliche Geb\xE4ude; und \xFCberhaupt ist die ganze Stadt, besonders nach der langen, mittleren, breiten Hauptgasse, sch\xF6n und ordentlich. Durch den langen Aufenthalt vieler reicher Pohlnischer Magnaten, und besonders des F\xFCrsten von Radzivil, hat die Stadt zu ihrer manigfaltigern besseren Einrichtung in dem Bau betr\xE4chtliche Vortheile gezogen. Sie ist ganz neu gepflastert, und die etwas abschie\xDFige Lage, bef\xF6rdert die Reinlichkeit ungemein. Sie liegt an dem Flu\xDF Tarcza oder Tori\xDFa, von welchem vest am Walle, ja auf demselben ein M\xFChlgraben vorbeygeleitet, und aus demselben durch eine gut inventirte Wasserkunst, das n\xF6thige Wasser zum kochen und Bier br\xE4uen, fast auf 30. Schuh in die H\xF6he gehoben, und also in die Cisternen geleitet wird. Am guten Trinkwasser hat sie Mangel, doch k\xF6nte demselben durch eine Wasserleitung, aus nicht so entfernten Brunquellen leicht abgeholfen werden. Die verschiedenen guten Gewerbe, der Wein-Leinwand-Getreyde- und Viehandel; die zwey Wochen- und vier Jahrm\xE4rkte, welche auch aus entfernten Orten stark besuchet werden, die sch\xF6ne Schlesische Tuchniederlage, die \xF6ftere Versammlung der Gespanschaft, die sich allhier befindende so genannte Dicasterial- oder Districtualtafel, die st\xE4ts zahlreiche Garnison, und der immer abwechselnde Aufenthalt verschiedener Fremden, machen den Ort sehr lebhaft.
Die Vorst\xE4dte sind betr\xE4chtlich, und der nach der Form des Schemnitzer, durch den Pater Berger, Societatis Jesu, vor einigen Jahren ungemein sch\xF6n ausgebaute Kalvarienberg, welcher hinter einer anmuthigen Wiesenplaine ganz nahe, und in v\xF6llig freyem Perospect lieget, tr\xE4get mit dem, in eben dieser Linie, liegenden herrlichen Gartengeb\xE4uden, der Grafen von Klobuschitzky und Szyrmay zu Versch\xF6nerung von au\xDFen sehr vieles bey.
Das ganz nahe Salzamt und Kammergut Schovar, und die verschie-
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denen B\xE4der und Sauerbrunnen geben bey heitern Sommert\xE4gen, zu ergetzenden Spazierg\xE4ngen, und erlaubten Vergn\xFCgungen reizende Gelegenheiten.
Die Augspurgischen Confe\xDFionsverwandten haben in der Vorstadt, nahe beym Pf\xF6rtel, ein sch\xF6nes Betthaus, welches im Jahre 1751. ganz neu, statt des alten aufgebauet worden; und dabey au\xDFer den Wohnungen der drey Prediger auch ein ger\xE4umiges Schulgeb\xE4ude, in welchem mit allerh\xF6chster Erlaubni\xDF, auch die h\xF6hern Wissenschaften gelehret werden, sich befindet. Nach dieser kurzen vielleicht nicht mi\xDFf\xE4lligen topographischen Nachricht, wollen wir uns sogleich zum Versuch unserer Geschichte wenden.*
*) Wir wollen die Quellen unserer Geschichte hier k\xFCrzlich anzeigen, es sind einige wenige Archivst\xFCcke und Diplomen; und sodann verschiedene Aufs\xE4tze und Tageb\xFCcher, die \xFCber eine merkliche Reihe von Begebenheiten, in Absicht auf diese Stadt, von lauter Zeitgenossen, und gr\xF6\xDFtentheils Augenzeugen; auch dabey angesehenen und geschickten M\xE4nnern, geschrieben worden, als: das Diarium Melcz Civ. & Nob. Eperiensis; die sch\xF6nen historischen Aufs\xE4tze, des Joh. Re\xDFtik gewesenen Prof. in Coll. Eper. des Herrn Mich. Melcz Nob. & Senatoris Eperiens. und andere mehr; die wir theils selbst ausgesucht, theils der g\xFCtigen Mittheilung des noch immer, auch in seinem hohen Alter unerm\xFCdeten Urkunden- und Geschichtensammlers, Herrn Hauptmann Szekely von Doba, zu verdanken haben. Auch befindet sich gegenw\xE4rtig eine ziemlich vollst\xE4ndige topographisch-historische Beschreibung der Stadt Eperies in unsern H\xE4nden, welche der im Jahre 1754. verstorbene Herr Andreas Fucker ein gelehrter Jurist und Mathematiker bey dieser Stadt ausgearbeitet, und mire den dazu geh\xF6rigen Abzeichnungen, die er selbst in Kupfer gestochen, und wovon alle Platten noch vorhanden, dem Drucke \xFCbergeben wollen, woran ihm theils die bemerkte Unvollst\xE4ndigkeit des Werks, theils andere Hinderni\xDFe, theils sein Tod m\xF6gen verhindert haben. Ein junger Vetter von ihm, Herr Paulus Ginkenthaler, jetziger Vicenotarius der ersten k.k. XVI. Stadt Iglo hat das Werk in sch\xF6nes Latein \xFCbersetzt, und mit vielen Zus\xE4tzen vermehret, so, da\xDF es noch einmal an das Licht gestellet zu werden verdiente. Auch ist von diesem Andreas Fucker ein v\xF6llig zum Druck fertige sch\xF6ne Kommentation vorhanden, unter dem Titel: Tokajinum illustratum, sive Celeberrimae Regionis Viniferae Hungariae Superioris in Comitatu praecipue Zempleniensi sitae descriptio, nec non de vineis & vino ejusdem Terrae brevis dissertatio.Sie ist Compre\xDF geschrieben, 10. B\xF6gen in IVto stark. Die Dedication war an unsere gloreiche Kais. K\xF6nigin, bey Gelegenheit des Antritts ihrer Regierung in diesem K\xF6nigreich im Jahre 1740. gerichtet. Die Ausf\xFChrung ist topographisch, historisch, physisch, \xF6conomisch ic. mit beygef\xFCgten sch\xF6nen Zeichnungen von dem Tokayergebirge, und der ganzen Hegyallya. Man denkt diese in vielen St\xFCcken brauchbare Arbeit, mit einiger Aenderung, oder auch vielleicht ganz unge\xE4ndert, unter die Presse zu bringen. Der Auctor war in Zip\xDF in Ueblau gebohren, wo sein Vater Martin Fucker ein sehr ansehnlicher Mann und obrigkeitliche Person war, er studirte in Jena, lebte darauf nachdem er fr\xFChzeitig Wittwer worden und dabey sehr schw\xE4chlich gewesen, bis an sein Ende in privato, bey seinen Freunden in Eperies. Der General von Petrasch wollte ihn in Dienste nehmen, er schlug es aber aus.
\xA7. II.
Den Namen der Stadt Eperies; giebt man in seinem Ursprung und Ableitung, so wie den Anfang und
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Ursprung der Stadt selbst, auf verschiedene Weise an. Und wenn werden sich wohl in den Unersuchungen von dieser Art keine Verschiedenheiten finden? Die gemeinste Ableitung dieses Namens geschiehet von dem ungarischen Worte, Eper (Eperj) welches eine Erdbeere bedeutet, woher auch die lateinisch-griechische Bennennung Fragopolis, auf deutsch eine Erdbeerenstadt kommt, welche deutsche Benennung aber nirgends gebraucht wird. Man nimmt den Grund dazu von der gro\xDFen Menge Erdbeeren her, welche in der Gegend dieser Stadt wachsen, und die Richtigkeit dieser Ableitung sehr wahrscheinlich, wo nicht v\xF6llig gewi\xDF, machen; wozu noch eine Erz\xE4hlung und Ueberlieferung kommt, die wenn sie v\xF6llig historisch richtig w\xFCrde, alles vollkommen bestimmen m\xF6chte. Es ist folgende: Der K\xF6nig Bela der zweyte, welcher auch der Blinde genannt wird, weil ihn der K\xF6nig Kolomann um ihn zur Regierung unf\xE4hig zu machen, noch in seiner Jugend, hatte blenden lassen, soll, da es die Angelegenheiten des Reichs, und besonders der durch den Borich erregte sehr gef\xE4hrliche Aufstand, erforderten, mit seinem Herr und Gefolge in diese Gegend gekommen seyn, und da er aus seinem Wagen gestiegen, und sich auf einen gr\xFCnen H\xFCgel niedergesetzet, und mit der Hand um sich gegriffen, von ohngef\xE4hr ein sch\xF6nes B\xFCschel reiffer Erdbeeren gefunden, und durch die in Ungarischer Sprache geschehene Anzeige und Benennung derselben, auch zur Benennung dieses Orts Gelegenheit gegeben haben. Nun machet zwar die Geschichte dieses K\xF6niges, diese Begebenheit an sich nicht unm\xF6glich, auch nicht einmal unwahrscheinlich, indem ihn dieselbe, an den Ungrischen und Pohlnischen Gr\xE4nzen, in der Grafschaft Zip\xDF, an der Spitze seiner Armee, seiner Blindheit, oder doch sehr schlechten Gesichts ohnerachtet, in wirklicher pers\xF6nlicher Gegenwart darstellet: Allein von diesem besonderen Vorfall und Veranlassung, saget sie doch bis jetzt nichts deutliches, so da\xDF man diese ganze Sache, bis zu mehrerer historischer Gewi\xDFheit und Anzeige, f\xFCr nichts mehr, als eine blosse Tradition und unendliche Ueberlieferung halten kann, und mu\xDF. Das B\xFCschel Erdbeeren in dem Wappen der Stadt, k\xF6nnte vielleicht etwas zur Best\xE4ttigung dieser Erz\xE4hlung beytragen, aber es ist, wie wir in folgenden sehen werden, zu neu, und lang vorher, sind statt desselben, drey rothe Rosen in dem Stadtwappen gewesen, doch k\xF6nnen auch rothe Rosen und rothe Erdbeere, besonders bey der Zeichnung und Mahlerey selbiger Zeit, wie solches viele andere heraldische Beyspiele lehren, leicht miteinander verwechselt worden seyn *).
(Die Fortsetzung folgt.)
*) P. Ladisl. Thuroczius, in Ungaria suis cum Regibus edit.Tyrn a. 1768. p. 234. hac de re sic: Eperiesinum, cui locus fragorum fertilissimus denominationem impertit. Vidc & Comp. Geogr. Hung. Belii edit. a. 1767. p. 114. De Bela II. Bonfin. Prayum, & in Compendio Severinium. Borich hatte sich f\xFCr einen Sohn Kolomanns ausgegeben, und wollte mit einer Parthey Pohlen und andern Anh\xE4nger das K\xF6nigreich an sich rei\xDFen: aber Bela siegte.
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Fortsetzung der Beschreibung unterschiedlicher warmen B\xE4der und andrer Naturalien in den ungarischen Bergst\xE4dten
[Siehe das XXXIVste St\xFCck.]
N\xE4chst diesen bisher k\xFCrzlich beschriebenen warmen B\xE4dern, so in den Gegenden der Bergst\xE4dte anzutreffen sind, will ich noch etwas weniges von dem Woynitzerbade
melden, welches schon au\xDFer selbigen in dem Neutrer Komitat, eine viertel Stunde weit von dem St\xE4dtel und sehr sch\xF6nen Schlo\xDF Woynitz lieget; dieses nun ist sehr sch\xF6n und pr\xE4chtig gebauet, in der mitten zwischen zweyen kleinen Bergen, und gleichet einem viereckicht-l\xE4nglichen Castell, da auf der rechten Seite die 5. absonderliche B\xE4der, als das Herrn- das Edle das Burger - Gemeine- und das Bettlerbad, sich pr\xE4sentieren, auf der linken aber gegen dem Schlo\xDF zu, sind saubere und bequeme Zimmer und gro\xDFe Stallungen f\xFCr die Fremden erbauet. Die Quelle ist so warm da\xDF man die H\xE4nde nicht darinnen leiden kann, und gleich bey dem Herrnbade in Steinen eingefa\xDFet; welches Herrnbad auch aus lauter sch\xF6nen weissen Quadersteinen zusammen gesetzt ist, es ist solches in vier Ecke gebauet, zehn Schritte lang und so viele breit, auf allen 4. Seiten mit 4. steinernen B\xE4nken sehr wohl angelegt. Das Wasser darinn ist ganz temperirt und so klar und hell, da\xDF man einen jeden Pfenning auf den steinernen Boden sehen kann: Unter diesem wird das Wasser an das ganz nahe angebaute Edlebad durch R\xF6hren gef\xFChret, welches eben daher sehr hei\xDF ist, und durch ein kaltes Wasser, da\xDF in einer R\xF6hren hinein tr\xF6pflet, temerirt werden mu\xDF. Aus dem Edlenbade flie\xDFt es in das Burger -aus diesem in das Gemeine - und wider daraus in das Bettlerbad; so da\xDF immer eines etwas niedriger gebauet ist, als das andere. Die vier ersten sind alle wie schon gemeldet aus Quadersteinen aufgerichtet, das letzte aber ist nur mit Brettern ausgelegt, und fast eines so gro\xDF, als das andere. Das Wasser an sich selber hat keinen besondern Geschmack, oder Geruch, und scheinet au\xDFer ein wenig Vitriol und Schwefel, wenig oder gar keine andere Bestandtheile zu haben, und demnach mehr zur Luft, als zu einigem Nutzen zu dienen; wie solches auch die Erfahrung genugsam an den Tag leget.
(Der Beschlu\xDF folgt.)
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II. Vermischte Nachrichten.
Von denen Speisen und Nahrung der Zigeuner.
Die Zigeuner k\xF6nnen zwar alle Speisen vertragen, welche andre Menschen zu genie\xDFen pflegen; doch aber finden sie an manchen Dingen, einen ganz besondern Geschmack. Die d\xFCrftigen Lebensumst\xE4nde, in welche sich der gr\xF6\xDFte Theil dieses Volks, durch Unordnung und Faulheit zu st\xFCrzen gewohnt ist, haben dasselbe von undenklichen Zeiten her gen\xF6thiget und gelehret, soche Dinge zur Speise und Nahrung zu w\xE4hlen, wof\xFCr sich ein anderer Mensch entsetzet, und an die er ohne Abscheu nicht einmal denken kann. Sie essen das Aas von Schaafen, Schweinen und allerhand Gefl\xFCgel und Hornvieh, nicht allein ohne allem innerlichen Zwang und ohne Widerwillen, sondern so gar mit dem gr\xF6\xDFten Appetit, und ohne der geringsten Verletzung, ihrer Gesundheit, So weit hat es diese Nation in solchen St\xFCcken durch die Gewohnheit gebracht! Und wenn ihnen dessentwegen Einwendungen und Vorw\xFCrfe gemacht werden, so antworten sie darauf und sprechen: Da\xDF das Fleisch eines solchen Thiers, welches Gott schlachtet, nothwendig besser seyn m\xFC\xDFe, denn eines solchen, welches nur von der Hand eines Menschen stirbt. Daher, wenn irgendwo auf dem Lande, oder in einer Stadt, eine ungl\xFCckliche Feuersbrunst gew\xFCstet hat, so sind am folgenden Morgen die Zigeuner gleich bey der Hand; eilen aus allen umliegenden Gegenden herzu, um das erstickte und halb verbrannte Vieh, aus der Asche herauszuziehen. M\xE4nner, Weiber und Kinder kommen Schaarenwei\xDF, bezeugen sich sehr gesch\xE4tzig, nehmen das Fleisch auf ihre Achseln und wandern damit vergn\xFCgt zu ihren Wohnpl\xE4tzen. Dieses wiederholen sie zu etlichemalen, versorgen sich mit dergleichen Braten reichlich, und schmausen alsdann in ihren H\xFCtten, so lange diese Herrlichkeit dauret. Nur das Pferdefleisch scheinen sie zu verabscheuen, und enthalten sich von dem Genu\xDF desselben, es mag krepirt oder geschlachtet seyn, ob ihnen gleich solches von einigem ausw\xE4rtigen Schriftstellern, und zwar noch mit diesem Zusatz beygemessen wurde: da\xDF sie nicht allein das Aa\xDF von den auf dem Schindacker geworfenen todten Pferden, K\xFChen, ic. fressen, sondern auch meistens roh und ungegkocht verzehren *). Keine von diesen Beschuldigungen will sich, wenigstens zu unsern Zeiten,
*) Samml. von Natur und Medicingeschichten Sommerquartal 1725. Von den Zigeunern und ihrer Lebensart in Ungarn: "Sie fressen das Aa\xDF von dem auf dem Schindacker geworfenen todten Pferden K\xFChen, Schafen ic. Von den Einwohnern bekommen sie das kranke und todte Vieh,, davon sie das Fleisch in ihren H\xFCtten, theils an der Sonnen d\xF6rren, theils r\xE4uchern und als eine gro\xDFe Delikatesse, meistens roh, und ungekocht verzehren.
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in Ansehung der Zigeuner in Ungarn, weder durch Erfahrung, noch durch ihr eigenes Gest\xE4ndni\xDF beste\xE4ttigen lassen: nachdeme diese weder rohes Fleisch essen, und noch viel weniger f\xFCr Pferdefresser angesehen seyn wollen, ob sie gleich diesem Thiere, nach seinem Tode, die Haut gerne abziehen. Der wahre Grund von dieser Enthaltung ist zwar nicht in ihrer Z\xE4rtlichkeit zu suchen: denn ihr Magen vertr\xE4get alles, und wer kann es wissen, ob sie diese Regel im Geheim und im Nothfalle, nicht sehr oft \xFCberschreiten; vielleicht aber m\xF6gen sie noch so viele Empfindungen f\xFCr die Menschheit haben, da\xDF sie sich sch\xE4men, das Aa\xDF eines solchen Thieres zu genie\xDFen, dessen Fleisch jedermann f\xFCr unrein achtet, und in einer solchen Absicht verabscheuet. Einige geben vor, allein mehr scherzweise, als im Ernst, um nur die Zigeuner damit zu n\xE4cken, da\xDF sie sich von dem Fleische dieses Thieres aus einer gewissen Hochachtung gegen dasselbe enthalten: weil sie n\xE4mlich die Pferde; da sie noch am Leben sind, so sehr lieben, so lie\xDFe es die Wehmuth, die sie \xFCber deren Tod empfinden, nicht zu, ihr Aa\xDF so zu mi\xDFhandeln, und nach ihrer Meynung zu verunehren.
Was aber hier von denen Zigeunern \xFCberhaupt angemerket worden, kann nicht von allen und jeden, die in diesem Lande wohnen, gesagt werden. Es giebt einige Familien, die sich auch in diesem St\xFCck, eben so, wie in ihren Sitten und Verhalten, von dem gro\xDFen und niedertr\xE4chtigen Haufen dieses Volkes, auf eine ganz merkliche Art auszeichnen. Diese trachten durch ein ordentliches und erlaubtes Gewerbe ihre Nahrungs- und Erhaltungsmittel zu suchen, und sich in eine solche Verfassung zu setzen, damit sie ihrem Leibe einen ordentlichen Unterhalt verschaffen k\xF6nnen, ohne auf dergleichen eckelhafte Speisen verfallen zu d\xFCrfen, die ein anderer Mensch verabscheuen mu\xDF. Nebenbey essen sie auch Brod, welches sie entweder kaufen, oder ausbetteln, oder auch stehlen, wenn es sich thun l\xE4sset: denn selbst backen die wenigsten das Brodt, weil solches weder die Beschaffenheit ihrer Wohnungen, noch \xFCbrige Einrichtung ihres Hauswesens f\xFCglich gestattet. Doch pflegen sie sich zuweilen, wenn bey ihnen das Fleisch mangelt, auch einige ungek\xFCnstelte Mehlspeisen zu kochen, oder in der warmen Asche auf dem Erdboden, Kuchen zu backen, die sie alsbald mit der gr\xF6\xDFten Begierde so hei\xDF sie sind, in sich hineinschlucken.
So wenig aber dieses Volk den Schnupftoback achtet, so sehr liebet es im Gegentheil \xFCberhaupt und allgemein den Rauchtoback, bis zu einer entsetzlichen Ausschweifung. Die Weiber \xFCbertreffen in diesem St\xFCcke beynahe die Mannspersonen, indem sie nicht allein den Rauch von diesem Kraut in sich ziehen, sondern auch die St\xE4ngel und Bl\xE4tter desselben recht begierig zwischen den Z\xE4hnen zermalmen und verschlingen. Sie schmau-
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chen am liebsten durch eine sehr kurze und kaum einen Finger lange h\xF6lzerne R\xF6hre, um nichts von der Kraft dieses edlen Krauts zu verschwenden, und wenn durch diese R\xF6hre, der Tobacksaft bey einem langwierigen Gebrauch, recht durchdrungen ist, so saugen und nagen sie daran, so lange ein St\xFCck davon \xFCbrig ist. An diesem ekelhaften Dinge, finden sie vielmehr Geschmack und Vergn\xFCgen, als ein anderer Mensch, an dem allerkostbarsten und herrlichsten Gew\xFCrze. Daher man auch einem Zigeuner keinen gr\xF6\xDFeren Gefallen erweisen kann, als wenn man ihn, mit einer solchen durchgebeizten Tobacksr\xF6hre beschenket, daran er sich viele T\xE4ge, wenn er wohl haush\xE4lt, erquicken, und damit seinen Appetit stillen kann. Ja er ist im Stande, ohne Brod und alles Essen, mehr als einen Tag bey seiner Arbeit auszuhalten, wenn er nur ein Blatt Rauchtoback, oder ein St\xFCckchen von einer solchen Tobacksr\xF6hre zu sich nimmt, daran kauet, und ein wenig Wasser dazu trinket.
Das ordentliche Getr\xE4nk der Zigeuner, ist zwar das Wasser, sie verwerfen aber auch das Bier nicht, wenn sie es nur haben: der Wein ist f\xFCr sie in manchen Gegenden unseres Vaterlandes so kostbar, und sie sch\xE4tzen denselben auch nicht so hoch, als den Brandtwein, daran sie sich desto geschwinder toll saufen, und alsdenn schreyen und l\xE4rmen k\xF6nnen.
Darum eben, wendet der Zigeuner sein Geld, wenn er ja daf\xFCr trinken soll, am liebsten, auf den Brandwein; indem er sich einbildet, da\xDF kein Trunk seines Geldes werth sey, der ihn nicht in einigen Augenblicken, nachdem er denselben zu sich genommen, toll und halb rasend machet. Der Brandwein mu\xDF also, bey ihren Kindstaufen, Hochzeiten und allen feyerlichen Handlungen vorz\xFCglich herhalten, und diejenigen T\xE4ge, da sie von diesem Trunk taumelten, und ihnen selbst am wenigsten bewust gesesen sind, z\xE4hlen sie insgemein, unter die besten, gl\xFCcklichsten und vergn\xFCgtesten Stunden ihres Lebens.